Die Archetypen der Vorbereitung


28. März 2022

Ina Deicke

Der vorige Beitrag beschreibt den Prozess der Individuation anhand des Bildes der (Lebens)Reise und der Archetypen als Begleiter. Hier will ich die Archetypen vorstellen, die unsere Ich-Entwicklung mitgestalten: die Unschuldige, den Verwaisten, die Kriegerin, den Geber.*

Die Archetypen der Vorbereitung

Die Unschuldige

Wir alle beginnen in der Unschuld. Es ist diese Zeit am Anfang unseres Daseins, bevor wir ein Ich-Bewusstsein ausbilden, also noch in inniger Verbindung zur uns umgebenden Welt leben.

Günstigenfalls beginnen wir im Vertrauen. Die Unschuldige ist der Teil in uns, der dem Leben, den anderen und sich selbst vertraut – sogar dann, wenn es nicht mehr gerechtfertigt ist. Die Unschuldige hilft uns, grundlegende Lebensfertigkeiten zu erlernen, die Persona auszubilden, d.h. eine Persönlichkeit und Rolle in der Gesellschaft sowie einen Platz in der Gemeinschaft zu finden.

Mythen erzählen vom Fall aus der Unschuld, aus dem Paradies, aus dem Göttlichen. Damit steht die Unschuld am Anfang und am Ende unserer Lebensreise: Anfangs war sie einfach da, später wählen wir sie. Wir kennen diesen Zauber vom Beginnen: Weil wir nicht wissen, was kommt, müssen wir vertrauen.

Das Ziel der Unschuldigen ist Sicherheit, ihre große Angst ist die vorm Verlassenwerden. Ihre Aufgabe ist es, Unterscheidungsvermögen zu entwickeln. Das Geschenk dieses Archetyps ist Vertrauen, Optimismus, Loyalität; der Schatten ist das Leugnen, Verdrängen, Verweigern, Vorwürfe, Konformität.

Die Unschuldige sucht eine sichere Umgebung, möchte beschützt werden sowie Liebe und Anerkennung erleben.

Anfangs akzeptiert sie ihre Umgebung und Autoritäten bedingungslos. Sie ist überzeugt, dass die Welt, die erlebt wird, alles ist; sie fühlt sich abhängig. Nach dem „Fall“ setzt Ernüchterung ein, aber Vertrauen und Optimismus werden beibehalten. Gereift kehrt die Unschuldige als weise Unschuldige ins Paradies zurück: Sie kann vertrauen ohne zu leugnen, naiv oder abhängig zu sein.

Der Verwaiste

Verwaiste erleben den „Fall“ wie die Unschuldigen, ziehen aber andere Schlüsse daraus: Sie sehen darin den Beweis für die grundlegende Wahrheit, dass wir alle auf uns selbst gestellt sind.

Der Verwaiste in uns wird durch Erfahrungen aktiviert, bei denen sich das Kind in uns verlassen, betrogen, vernachlässigt oder enttäuscht fühlt. Er beurteilt, welche Eigenschaften für das Bild der Persona aufgegeben oder versteckt werden müssen und lehrt uns Situationen zu erkennen und zu vermeiden, die uns verletzen könnten. Er lehrt uns auch, sich mit anderen zusammenschließen und füreinander sorgen.

Obgleich der Verwaiste kritisch gegenüber Macht, Autoritäten und Institutionen ist, empfindet er eine Ohnmacht und möchte gerettet zu werden.

Solange wir den Verwaisten in uns nicht anerkennen, wird er von uns im Stich gelassen. Die Folge wäre nicht nur ein verwundetes inneres Kind, sondern auch ein sehr einsames. Wenn wir jedoch unsere Verletzlichkeit anerkennen, können wir uns der Arbeit an unserer heiligen Wunde zuwenden und entdecken, wie unser Verwundetsein unser Wachstum und unsere Entwicklung motiviert.

Das Ziel des Verwaisten ist es, wieder Sicherheit zu erlangen, seine Angst ist es, ausgebeutet oder schlecht behandelt zu werden. Die Entwicklungsaufgabe besteht darin, Schmerz und Enttäuschung zu verarbeiten, die eigene Verletzlichkeit anzunehmen, sich für Hilfe von anderen zu öffnen, Illusionen aufzugeben und sich mit der Realität auseinanderzusetzen.

Das Geschenk dieses Archetyps ist ein Selbstvertrauen, das aus dem Erkennen der wechselseitigen Anhängigkeit, aus Einfühlungsvermögen und Realismus erwächst. Der Schatten liegt in Zynismus, Abgestumpftheit, Masochismus, in einer Opferrolle, die benutzt wird, um die Umgebung zu manipulieren.

Anfänglich erkennt der Verwaiste seine Misere an, fühlt Schmerz und Ohnmacht. Später akzeptiert er Hilfe. Gereift ersetzt er Abhängigkeit von Autoritäten durch Beziehungen zu Gleichgesinnten, die einander helfen, und entwickelt realistische Erwartungen.

Die Kriegerin

Die Kriegerin entflieht einer begrenzenden Umgebung und macht sich auf die Suche nach dem Schatz. Sie ruft uns auf Mut, Kraft und Integrität zu entwickeln und nährt die Fähigkeiten, sich Ziele zu setzen und zu erreichen und gut zu planen. Ein Krieger kämpft für sich und andere, um sie zu schützen. Er lebt und kämpft für Prinzipien, auch wenn das Nachteile bringt. Es geht darum, die eigenen Grenzen zu schützen, mit so wenig Gewalt, wie möglich.

Kriegerinnen wollen den eigenen Willen behaupten und durch Kampf Veränderung bewirken. Sie fürchten Schwäche, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Unfähigkeit. Ihre Entwicklungsaufgabe heißt zivilisierte Selbstbehauptung und für das zu kämpfen, was wirklich wichtig ist.

Das Geschenk der Kriegerin liegt in Mut, Disziplin und Können. Zum Schatten gehören Skrupellosigkeit sowie das zwanghafte Bedürfnis zu gewinnen.

Anfangs kämpft die Kriegerin, um sich durchzusetzen. Später wird daraus ein von Prinzipien geleiteter Kampf für sich und andere. Es gilt die Regeln des fairen Kampfes zu achten. Der reifen Kriegerin geht es um Selbstbehauptung. Sie hat kein Bedürfnis nach Gewalt und zieht Lösungen vor, bei denen alle gewinnen. Sie lernt Konflikte zu benennen und aufrichtig zu kommunizieren.

Der Geber

Der Geber will helfen und durch Liebe etwas bewirken. Er ruft uns auf, für andere zu sorgen, Gemeinschaft zu schaffen, Menschen das Gefühl zu geben, dazuzugehören. Es geht um Pflegen und Fördern, um gesundes Geben.

Der Geber achtet auch auf die Bedürfnisse unseres inneren Kindes und hilft uns emotionale Unabhängigkeit zu entwickeln.

Er fürchtet Egoismus und Undankbarkeit. Seine Entwicklungsaufgabe besteht darin zu geben, ohne sich oder andere zu verstümmeln.

Die Geschenke des Archetyps sind Mitgefühl und Großzügigkeit. Der Schatten-Geber zeigt sich im leidenden Märtyrer, in Eltern, die „verschlingen“, in einem Verhalten, das Schuldgefühle auslöst oder in Verhaltensweisen, die Sucht, Verantwortungslosigkeit oder Narzissmus anderer unterstützen.

Anfangs bewegen sich Gebende im Konflikt zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen und neigen dazu, die eigenen Bedürfnisse dem unterzuordnen, was andere wollen oder brauchen. Später lernen sie, für sich selbst zu sorgen, sodass die anderen gewährte Fürsorge bereichert. Sie vermitteln anderen Fähigkeiten, anstatt für sie zu handeln.

Entwickelte Geber wissen, wer sie sind und was sie wollen. Sie empfinden Geben als Ausdruck von Selbstachtung. Sie sind bereit zur Fürsorge für die Erde, übernehmen Verantwortung und helfen Gemeinschaften aufzubauen.

Der Geber gilt als reifster mit der Ich-Entwicklung verbundener Archetyp. Er öffnet die Tür vom Ich zur Seele.

Die Ich-Archetypen und Identität

Die Unschuldige, der Verwaiste, die Kriegerin und der Geber helfen uns herauszufinden, wer wir sind: Mit Hilfe der Unschuldigen erkennen wir, was wir wollen. Der Verwaiste steht für eine Verletzung, die oft die Art unseres Wachstums bestimmt. Die Kriegerin setzt sich Ziele und Prioritäten, kämpft dafür und schafft sich so eine Identität, die sie gewählt hat. Der Geber läutert diese Identität durch den Verzicht. Er möchte für alles sorgen, doch wir können nicht für alle Menschen alles sein. Der Geber muss auf das eine zugunsten des anderen verzichten.

Mir ist es wichtig klarzustellen: Wir sind nicht die Archetypen. Die archetypischen Bilder helfen uns, Qualitäten in uns zu entdecken und zu benennen. Sie helfen uns zu erfassen, welche Handlungsmuster wir bevorzugt aktivieren und welche weniger. Sie helfen uns auch zu entscheiden, wovon wir in Zukunft mehr in unserem Leben wollen und wovon weniger. Dann wird es möglich, starke Archetypen anzuerkennen und andere mehr zu aktivieren. Der Schlüssel zu mehr Ganzheit liegt im Bewusstwerden.

 

*Angeleht an C.S. Pearson: Die 12 seelischen Archetypen, München 2019