Am Anfang unserer Lebensreise sind wir gerufen, unsere Ich-Kräfte zu entwickeln. Irgendwann spüren wir eine Sehnsucht, wobei wir anfangs kaum beschreiben können, wonach wir uns sehnen. Wenn wir der Sehnsucht folgen, öffnen wir uns für einen Prozess („die Reise“), der uns mehr zu uns selbst führen kann, zu dem, was in uns selbst lebt.

Wenn wir der Sehnsucht nicht folgen (können), interveniert das Leben durch eine handfeste Krise. Erst, wenn auf diese Weise deutlich wird, dass keine bekannte Herangehensweise aktuelle Probleme zu lösen vermag, sind wir bereit uns zu bewegen.

Hier deutet sich schon an, welche Archetypen uns begleiten: die Suchende, der Zerstörer, die Liebende, der Schöpfer.*

Die Archetypen der Reise

Die Suchende

Die Suchende küsst uns mit der Sehnsucht wach. Sie sucht nach Möglichkeiten der Verwandlung und öffnet den Weg in die Tiefe, denn es ist wichtig, seine innere Realität zu kennen, um Alleinsein und Auseinandersetzungen zu bestehen.

Die Energie der Suchenden gibt uns den Mut ins Unbekannte aufzubrechen und sich aus Abhängigkeiten zu lösen. Sie fordert uns auf, das zu erforschen, was wir am meisten fürchten.

Ihr Ziel ist ein besseres Leben, ihre Angst ist es, in der Falle zu sitzen. Also geht sie weg oder entflieht begrenzenden Umständen. Sie lernt, einer höheren Wahrheit zu folgen.

Die Geschenke der Suchenden sind Selbstständigkeit und Ehrgeiz. Der Schatten liegt in Perfektionismus, Bindungsunfähigkeit, Süchten.

Am Anfang stehen Unzufriedenheit und Leere quasi als Aufruf zum Erkunden, Experimentieren, Studieren, Ausprobieren; später geht es um eine vollständigere Version seiner selbst. In der Reife ist es die spirituelle Suche nach Verwandlung.

Der Zerstörer

Der Zerstörer bereitet uns auf den Abstieg in die Unterwelt vor und konfrontiert uns mit dem Tod. Anderenfalls halten wir am Zustand der Unschuld fest und leugnen die Seele. Meist erleben wir den Zerstörer zunächst in seiner Schattenform: als das potenzielle Selbst, das wir verdrängt haben. Der Schatten ist eigentlich eine gutartige Form des Zerstörers; wenn er integriert wird, enthält er ein Geschenk: Verwandlung wird möglich.

Der Zerstörer findet Ausdruck in selbstzerstörerischen Lebensweisen, in Unordnung und Chaos oder als Todeswunsch. Er zerstört unser Selbstbild oder unsere alte Geschichte. Er ist aber auch der Teil der Psyche, der Alter, Krankheit und Tod bewirkt. Somit steht er mit der positiven wie negativen Seite des Todes in Verbindung.

Wenn wir Einweihung durch den Zerstörer erfahren, erleben wir Verlust, Ohnmacht, Leid, Ungerechtigkeit, tiefes Sinnlosigkeitsgefühl oder das plötzliche Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit.

Das Ziel des Zerstörers ist Wachstum und Verwandlung. Seine Angst ist es festzustecken, vernichtet zu werden. Daher antwortet er selbst mit Zerstörung.

Die Entwicklungsaufgabe heißt Loslassen zu lernen und die Sterblichkeit zu akzeptieren. Das Geschenk ist Demut und Akzeptanz. Der Schatten liegt in Selbstzerstörung, Zerstörung anderer, Gewaltanwendung.

Zuerst erfahren wir Schmerz, Leid, Tragödie, Verlust und antworten mit Verwirrung. Dann beschäftigen wir uns mit der Bedeutung von Tod, Verlust oder Schmerz und lernen unsere relative Ohnmacht zu akzeptieren. In der reifen Form entwickeln wir die Fähigkeit, bewusst alles loszulassen, was die Werte, das Leben und das Wachstum nicht mehr fördert.

Die Liebende

Die Liebende steht für die erotische Energie der Lebenskraft und wird durch die heilige Hochzeit symbolisiert, die uns über die Dualität hinausführt.

Sie öffnet uns die Welt der Seele durch das gegengeschlechtliche Element von Anima und Animus. Sie hilft uns, durch erlösende, mitfühlende Liebe die Polaritäten zu vereinigen und führt uns so zu mehr Ganzheit. Ohne Liebe lässt sich die Seele nicht auf das Leben ein.

Eros steht für eine leidenschaftliche Verbindung (zu einer Landschaft, einer Arbeit, einer Aktivität, einem sozialen Anliegen, einer Lebensweise) und für Lebendigkeit.

Das Ziel der Liebenden ist Verbundenheit; sie fürchtet Beziehungslosigkeit. Durch die Liebende lernen wir uns dem zu verpflichten, was wir lieben.

Das Geschenk des Archetyps besteht in Bindungsfähigkeit, Leidenschaft, Ekstase. Der Schatten liegt in Eifersucht, Neid, sexueller Sucht, Puritanismus.

Verliebtheit ruft uns auf, dann folgen wir unserer Seligkeit. Später lernen wir uns zu binden. In der reifen Form akzeptieren wir uns selbst völlig und bringen so ein Selbst hervor. Wir verbinden das Persönliche mit dem Überpersönlichen, das Individuelle mit dem Kollektiven.

Der Schöpfer

Der Schöpfer weckt den tief in uns vorhandenen Samen unserer wahren Identität und hilft uns, unser echtes Selbst zu entdecken. Der Same ist ein symbolisches Bild für den Lebensauftrag jedes Menschen.

Der Schöpfer wird aktiv durch unsere Vorstellungskraft, die uns hilft neues Leben hervorzubringen. Er stärkt das Gefühl für unseren Beitrag und Platz in der Welt. Weil die Seele – nicht das Ich – unser Leben erschafft, hilft uns die Kraft des Schöpfers eine Partnerschaft zwischen Ich und Seele zu bilden, damit beide miteinander arbeiten.

Der Schöpfer vertreibt uns aus unechten Lebensrollen und drängt uns, unsere Identität geltend zu machen. Dadurch lernen wir, uns als Teil des Lebens und des selbst Geschaffenen zu akzeptieren.

Seine Geschenke heißen Kreativität, Identität, Berufung. Der Schattenschöpfer erschafft negative Umstände oder begrenzende Gelegenheiten oder zeigt sich in zwanghaftem Schaffen, in Arbeitssucht.

Tagträume, Fantasien, Bilder rufen den Schöpfer in uns wach. Wir öffnen uns für Visionen, Bilder, Ahnungen, Inspiration. Später erkennen wir, was wir wirklich haben, tun, erschaffen wollen. Die reife Version des Schöpfers zeigt sich im bewussten, experimentellen Herangehen, um das Imaginierte zu realisieren.

Archetypen der Übergänge

Die Suchende, der Zerstörer, die Liebende und der Schöpfer helfen uns, unsere innere Welt zu erkunden, unsere Sehnsüchte zu klären, Schattenelemente der Psyche zu integrieren, männliche und weibliche Aspekte auszugleichen und mehr und mehr zu erfahren, wer wir sind.

Die Archetypen der Reise besuchen uns um die Lebensmitte. Ein Zufall? Oder ein Einfall des Lebens?

Mit Hilfe der Suchenden brechen wir auf. Der Zerstörer lässt unsere alte Geschichte sterben. Die Liebende schenkt uns Energie und Leidenschaftlichkeit sowie die Fähigkeit sich zu binden. Der Schöpfer hilft uns den Samen unserer wahren Identität zu entdecken und eine Vision für unser Leben zu entwickeln.

Ich möchte betonen: Die archetypischen Bilder helfen uns, Qualitäten in uns zu entdecken und zu benennen. Sie helfen uns zu erfassen, welche Handlungsmuster wir bevorzugt aktivieren und welche weniger. Sie helfen uns auch zu entscheiden, wovon wir in Zukunft mehr in unserem Leben wollen und wovon weniger. Dann wird es möglich, starke Archetypen anzuerkennen und andere mehr zu aktivieren. Der Schlüssel zu mehr Ganzheit liegt im Bewusstwerden.

 

*Angeleht an C.S. Pearson: Die 12 seelischen Archetypen, München 2019

Der vorige Beitrag beschreibt den Prozess der Individuation anhand des Bildes der (Lebens)Reise und der Archetypen als Begleiter. Hier will ich die Archetypen vorstellen, die unsere Ich-Entwicklung mitgestalten: die Unschuldige, den Verwaisten, die Kriegerin, den Geber.*

Die Archetypen der Vorbereitung

Die Unschuldige

Wir alle beginnen in der Unschuld. Es ist diese Zeit am Anfang unseres Daseins, bevor wir ein Ich-Bewusstsein ausbilden, also noch in inniger Verbindung zur uns umgebenden Welt leben.

Günstigenfalls beginnen wir im Vertrauen. Die Unschuldige ist der Teil in uns, der dem Leben, den anderen und sich selbst vertraut – sogar dann, wenn es nicht mehr gerechtfertigt ist. Die Unschuldige hilft uns, grundlegende Lebensfertigkeiten zu erlernen, die Persona auszubilden, d.h. eine Persönlichkeit und Rolle in der Gesellschaft sowie einen Platz in der Gemeinschaft zu finden.

Mythen erzählen vom Fall aus der Unschuld, aus dem Paradies, aus dem Göttlichen. Damit steht die Unschuld am Anfang und am Ende unserer Lebensreise: Anfangs war sie einfach da, später wählen wir sie. Wir kennen diesen Zauber vom Beginnen: Weil wir nicht wissen, was kommt, müssen wir vertrauen.

Das Ziel der Unschuldigen ist Sicherheit, ihre große Angst ist die vorm Verlassenwerden. Ihre Aufgabe ist es, Unterscheidungsvermögen zu entwickeln. Das Geschenk dieses Archetyps ist Vertrauen, Optimismus, Loyalität; der Schatten ist das Leugnen, Verdrängen, Verweigern, Vorwürfe, Konformität.

Die Unschuldige sucht eine sichere Umgebung, möchte beschützt werden sowie Liebe und Anerkennung erleben.

Anfangs akzeptiert sie ihre Umgebung und Autoritäten bedingungslos. Sie ist überzeugt, dass die Welt, die erlebt wird, alles ist; sie fühlt sich abhängig. Nach dem „Fall“ setzt Ernüchterung ein, aber Vertrauen und Optimismus werden beibehalten. Gereift kehrt die Unschuldige als weise Unschuldige ins Paradies zurück: Sie kann vertrauen ohne zu leugnen, naiv oder abhängig zu sein.

Der Verwaiste

Verwaiste erleben den „Fall“ wie die Unschuldigen, ziehen aber andere Schlüsse daraus: Sie sehen darin den Beweis für die grundlegende Wahrheit, dass wir alle auf uns selbst gestellt sind.

Der Verwaiste in uns wird durch Erfahrungen aktiviert, bei denen sich das Kind in uns verlassen, betrogen, vernachlässigt oder enttäuscht fühlt. Er beurteilt, welche Eigenschaften für das Bild der Persona aufgegeben oder versteckt werden müssen und lehrt uns Situationen zu erkennen und zu vermeiden, die uns verletzen könnten. Er lehrt uns auch, sich mit anderen zusammenschließen und füreinander sorgen.

Obgleich der Verwaiste kritisch gegenüber Macht, Autoritäten und Institutionen ist, empfindet er eine Ohnmacht und möchte gerettet zu werden.

Solange wir den Verwaisten in uns nicht anerkennen, wird er von uns im Stich gelassen. Die Folge wäre nicht nur ein verwundetes inneres Kind, sondern auch ein sehr einsames. Wenn wir jedoch unsere Verletzlichkeit anerkennen, können wir uns der Arbeit an unserer heiligen Wunde zuwenden und entdecken, wie unser Verwundetsein unser Wachstum und unsere Entwicklung motiviert.

Das Ziel des Verwaisten ist es, wieder Sicherheit zu erlangen, seine Angst ist es, ausgebeutet oder schlecht behandelt zu werden. Die Entwicklungsaufgabe besteht darin, Schmerz und Enttäuschung zu verarbeiten, die eigene Verletzlichkeit anzunehmen, sich für Hilfe von anderen zu öffnen, Illusionen aufzugeben und sich mit der Realität auseinanderzusetzen.

Das Geschenk dieses Archetyps ist ein Selbstvertrauen, das aus dem Erkennen der wechselseitigen Anhängigkeit, aus Einfühlungsvermögen und Realismus erwächst. Der Schatten liegt in Zynismus, Abgestumpftheit, Masochismus, in einer Opferrolle, die benutzt wird, um die Umgebung zu manipulieren.

Anfänglich erkennt der Verwaiste seine Misere an, fühlt Schmerz und Ohnmacht. Später akzeptiert er Hilfe. Gereift ersetzt er Abhängigkeit von Autoritäten durch Beziehungen zu Gleichgesinnten, die einander helfen, und entwickelt realistische Erwartungen.

Die Kriegerin

Die Kriegerin entflieht einer begrenzenden Umgebung und macht sich auf die Suche nach dem Schatz. Sie ruft uns auf Mut, Kraft und Integrität zu entwickeln und nährt die Fähigkeiten, sich Ziele zu setzen und zu erreichen und gut zu planen. Ein Krieger kämpft für sich und andere, um sie zu schützen. Er lebt und kämpft für Prinzipien, auch wenn das Nachteile bringt. Es geht darum, die eigenen Grenzen zu schützen, mit so wenig Gewalt, wie möglich.

Kriegerinnen wollen den eigenen Willen behaupten und durch Kampf Veränderung bewirken. Sie fürchten Schwäche, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Unfähigkeit. Ihre Entwicklungsaufgabe heißt zivilisierte Selbstbehauptung und für das zu kämpfen, was wirklich wichtig ist.

Das Geschenk der Kriegerin liegt in Mut, Disziplin und Können. Zum Schatten gehören Skrupellosigkeit sowie das zwanghafte Bedürfnis zu gewinnen.

Anfangs kämpft die Kriegerin, um sich durchzusetzen. Später wird daraus ein von Prinzipien geleiteter Kampf für sich und andere. Es gilt die Regeln des fairen Kampfes zu achten. Der reifen Kriegerin geht es um Selbstbehauptung. Sie hat kein Bedürfnis nach Gewalt und zieht Lösungen vor, bei denen alle gewinnen. Sie lernt Konflikte zu benennen und aufrichtig zu kommunizieren.

Der Geber

Der Geber will helfen und durch Liebe etwas bewirken. Er ruft uns auf, für andere zu sorgen, Gemeinschaft zu schaffen, Menschen das Gefühl zu geben, dazuzugehören. Es geht um Pflegen und Fördern, um gesundes Geben.

Der Geber achtet auch auf die Bedürfnisse unseres inneren Kindes und hilft uns emotionale Unabhängigkeit zu entwickeln.

Er fürchtet Egoismus und Undankbarkeit. Seine Entwicklungsaufgabe besteht darin zu geben, ohne sich oder andere zu verstümmeln.

Die Geschenke des Archetyps sind Mitgefühl und Großzügigkeit. Der Schatten-Geber zeigt sich im leidenden Märtyrer, in Eltern, die „verschlingen“, in einem Verhalten, das Schuldgefühle auslöst oder in Verhaltensweisen, die Sucht, Verantwortungslosigkeit oder Narzissmus anderer unterstützen.

Anfangs bewegen sich Gebende im Konflikt zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen und neigen dazu, die eigenen Bedürfnisse dem unterzuordnen, was andere wollen oder brauchen. Später lernen sie, für sich selbst zu sorgen, sodass die anderen gewährte Fürsorge bereichert. Sie vermitteln anderen Fähigkeiten, anstatt für sie zu handeln.

Entwickelte Geber wissen, wer sie sind und was sie wollen. Sie empfinden Geben als Ausdruck von Selbstachtung. Sie sind bereit zur Fürsorge für die Erde, übernehmen Verantwortung und helfen Gemeinschaften aufzubauen.

Der Geber gilt als reifster mit der Ich-Entwicklung verbundener Archetyp. Er öffnet die Tür vom Ich zur Seele.

Die Ich-Archetypen und Identität

Die Unschuldige, der Verwaiste, die Kriegerin und der Geber helfen uns herauszufinden, wer wir sind: Mit Hilfe der Unschuldigen erkennen wir, was wir wollen. Der Verwaiste steht für eine Verletzung, die oft die Art unseres Wachstums bestimmt. Die Kriegerin setzt sich Ziele und Prioritäten, kämpft dafür und schafft sich so eine Identität, die sie gewählt hat. Der Geber läutert diese Identität durch den Verzicht. Er möchte für alles sorgen, doch wir können nicht für alle Menschen alles sein. Der Geber muss auf das eine zugunsten des anderen verzichten.

Mir ist es wichtig klarzustellen: Wir sind nicht die Archetypen. Die archetypischen Bilder helfen uns, Qualitäten in uns zu entdecken und zu benennen. Sie helfen uns zu erfassen, welche Handlungsmuster wir bevorzugt aktivieren und welche weniger. Sie helfen uns auch zu entscheiden, wovon wir in Zukunft mehr in unserem Leben wollen und wovon weniger. Dann wird es möglich, starke Archetypen anzuerkennen und andere mehr zu aktivieren. Der Schlüssel zu mehr Ganzheit liegt im Bewusstwerden.

 

*Angeleht an C.S. Pearson: Die 12 seelischen Archetypen, München 2019

„Jeder von uns hat in sich einen Helden, aber wir sind uns dessen nicht immer bewusst. Der Held im Inneren ist meist am Schlafen. Wir haben die Aufgabe, ihn zu wecken.“

Carol S. Pearson

 

Wie kommt es, dass wir heute auf nie gekannte Weise leben und doch fühlt sich das Leben für viele Menschen leer oder sinnlos an? Was wäre, wenn wir diesen Zustand überwinden können, indem wir die Helden in uns zu wecken?

Helden wecken

Im Laufe des Lebens bewegen wir uns durch Wachstums- oder Reifungsphasen. Wir nennen wir diesen Prozess Individuation: Uns enthüllen sich die eigenen Qualitäten, Werte, Haltungen, innigsten Absichten; im besten Fall werden wir uns dessen bewusst. Das heißt, wir erkennen, wer wir sind und was uns ausmacht. Daraus leiten wir Schlüsse über unseren Platz in der Welt und unseren Lebenssinn ab.

Dieser Prozess verläuft weder gleichmäßig noch anfänglich bewusst. Es gibt Phasen von Zufriedenheit und Erfülltsein, und es gibt andere Phasen von Ödnis, Zweifel, Sinnlosigkeitsempfinden. Und hier wird es interessant.

Die Zeiten der großen Fragen an sich selbst und das Leben sind die Einladungen des Lebens zu wachsen – den Prozess der Selbstwerdung zu nähren.

Leider lernen wir davon nichts in der Schule und es gibt nur wenige Mentorinnen und Mentoren für diese Passagen der Lebensreise. Wir bleiben womöglich auf unseren Fragen hocken, in einem viel zu engem Leben stecken und verfallen in eine Geschichte, die von unserer Ausweglosigkeit und Frustration erzählt. Oder wir wecken die Heldinnen und Helden in uns, brechen auf und suchen.

Die Suche fordert uns heraus. Sie ist beschwerlich, voller Irrungen und Wirrungen, Hindernisse und Gefahren. Und gleichzeitig wird sie uns beleben, beglücken, befreien.

Helden – Archetypen – Mythos

Im Laufe der Jahre, in denen ich Menschen in Entwicklungsphasen begleite, ist mir deutlich geworden, wie weit sich unsere Kultur von Wegen und Praktiken entfernt hat, die diese Suche begrüßen, wertschätzen und unterstützen. Deshalb ist es mir ein Anliegen Bilder zu aktivieren und zu teilen, die in unserem kollektiven Unbewussten zu Hause sind: Archetypische Bilder.

Sie sind da, ob wir sie aktivieren oder nicht. Wir erzählen davon in Geschichten, Büchern, Filmen, Kunstwerken, Legenden, Mythen, ob wir sie begreifen oder nicht. Archetypen gehören zum Menschsein, weil sie unsere Psyche formen und in Balance halten. Sie helfen, unser Ich zu bilden, uns mit der Seele zu verbinden, ein Gefühl für unser Selbst zu entwickeln. Sie nähren uns in den kritischen Phasen unserer Lebensreise, wenn sich Sinn und Bedeutung (der psycho-spirituelle Schwerpunkt) unseres Lebens verschieben.

Helden sind Menschen wie du und ich mitten im täglichen Leben mit Höhe- und Tiefpunkten und mit Hoffnungen, Absichten, Sehnsüchten.

Die Heldenreise ist ein archetypisches Bild für den Weg der Selbsterkundung und Bewusstwerdung. Erzählungen davon liefern uns die Mythen aus allen Ecken der Welt und allen Zeiten. Joseph Campbell, ein Mythenforscher (Der Heros in tausend Gestalten), hat sie ergründet, eine Grundstruktur gefunden und zu einem Monomythos verdichtet: Eine Erzählung über das Abenteuer von Entwicklung und Bewusstwerdung.

Phasen der Reise

Die Reisen von Heldinnen und Helden verlaufen entlang dieser Grundstruktur: Vorbereitung – Reise – Rückkehr.

Wir kennen das aus den Märchen, die ja nichts Geringeres als Initiationserzählungen sind: Die Heldin lebt an einem Ort in einem Königreich und verrichtet alltägliche Dinge (Vorbereitung). Das Königreich ist in Gefahr, manchmal sind schon andere Helden ausgezogen, um das Reich zu retten – und gescheitert. Jetzt ist die Heldin dran (Aufruf). Sie muss aufbrechen, in die Ferne reisen, um eine rettende Mission auszuführen (Reise). Nach ihrer Rückkehr verwandelt sie das Königreich in der einen oder anderen Weise.

Unter den verschiedenen Ausschmückungen verbirgt sich der Individuationsprozess: Die Vorbereitung beschreibt den Prozess der Ich-Werdung. Wir brauchen ein stabiles Ich für das Abenteuer der Reise. Die Sehnsucht, die uns phasenweise umtreibt, ist der Aufruf dazu. Die Reise beschreibt die Annährung an und zuweilen Begegnung mit der Seele – das Erfassen der eigenen Kernqualitäten, Werte und innigsten Absichten. Mit dieser Essenz geht es nach der Rückkehr ans Erneuern des eigenen Lebens.

Archetypen als Begleiter

Archetypische Bilder können die Reisenden begleiten und nähren.

Im Laufe der nächsten Blogbeiträge stelle ich zwölf seelische Archetypen vor, die uns bildhaft unsere Lebensthemen und -aufgaben spiegeln und Hinweise geben, wie seelenorientiertes Leben gelingen kann. Diese Archetypen begleiten uns auf dem Weg zu uns selbst.

Ich stütze mich dabei auf die Arbeit von Carol S. Pearson: Die 12 seelischen Archetypen. Nach und nach lernst du die Unschuldige, den Verwaisten, die Kriegerin, den Geber, die Suchende, den Zerstörer, die Liebende, den Schöpfer, die Herrscherin, den Magier, die Weise und den Narr kennen. Jeder Archetyp überbringt eine Botschaft und ein Geschenk.

Es gibt noch mehr Archetypen und es gibt Ausdifferenzierungen der oben genannten. Diese zwölf Begleiter sind zentral für unser Werden, unseren Selbstausdruck. Die Heldin und die Reise sind ebenfalls archetypische Bilder.

Wandel, Veränderung, Change, Transformation … diese Begriffe nutzen wir gegenwärtig oft, um eine Bewegung zwischen Notwendigkeit und Hoffnung zu beschreiben. Meist unerwähnt bleiben die Übergänge.

Es hat Zeit, Aufmerksamkeit und Hingabe gebraucht, damit ich begreifen konnte, was es mit den Übergängen auf sich hat. Mein Forschen war geprägt von den obigen Begriffen: In der naturorientierten Prozessbegleitung wollten wir Wandlungsprozesse gestalten. In der Wirtschaft habe ich Change Prozesse oder Transformation begleitet. Besonders hier hatte ich das Gefühl, dass etwas fehlt.

Von Meredith Little hörte ich den Begriff „transitions“. Das hat mich wach gemacht: Aha, Übergänge. Bei meinen weiteren Erkundungen entdeckte ich „Transition Coaching“. Wieder ein Aha-Moment. Doch „Übergänge“ erklären sich nicht von selbst, wenn Begriff und Deutung aus unserem Sprachgebrauch und damit aus unserer Kultur verschwunden sind.

Eine Weile war ich ratlos. Ich hatte das Gefühl genau zu wissen, was meine Arbeit ausmacht und wo ich sie verorte, doch damit nur bedingt verstanden zu werden.

Dann begegnete mir die Arbeit von Susan und William Bridges von Genuine Contact und der Nebel lichtete sich. Beide benennen ganz selbstverständlich, was ich bis dato als Ahnung mit mir trug: Wandel oder Change sind etwas anderes als Übergänge.

Das war eine klärende und befreiend wirkende Erkenntnis für mich. Damit wuchs mein Mut, genau zu benennen, was mein Wirkungsfeld ist und das Spezifische zu beschreiben. Ich will beitragen die offensichtliche Lücke in unserer Kultur zu füllen.

Also lasst uns über Übergänge reden. Es ist elementares Menschheitswissen, auch wenn es in der Schule nicht gelehrt wird. Ich halte es für grundlegend, weil es die conditio humana betrifft, also die Art und Weise, wie wir uns selbst erkennen und verstehen lernen und wie wir ein kollektives Verständnis für menschliche Entwicklung und dafür konstruktive Rahmenbedingungen schaffen.

Die Natur der Übergänge

Das Leben gibt uns immer wieder neu Gelegenheit zu wachsen. Wir kennen die verschiedenen Lebensphasen (Kindheit, Pubertät, Adoleszenz, Erwachsensein, Altern). Was uns schon weniger bewusst ist, sind die damit verbundenen Entwicklungsaufgaben. Noch weniger wissen wir über die Wachstumskrisen, die den Übergang von einer Lebensphase in die andere begleiten können.

Die meisten Menschen erleben Übergänge als krisenhaft, weil dieses Geschehen mit wesentlichen körperlichen, seelischen, mentalen, spirituellen sowie materiellen, sozialen und auch räumlichen Veränderungen einhergehen kann. Zu wissen, dass sich mensch in einem Übergangsprozess befindet, dass dies natürlich und potenziell heilsam ist, welche Phasen ein solcher Prozess durchläuft und wie sich mensch selbst darin stärken kann, schenkt Orientierung, Selbstvertrauen und Zuversicht.

Übergänge sind etwas anderes als Veränderungen und doch bezieht sich beides aufeinander.

Die Veränderung ist das, was von außen sichtbar ist, z.B. eine Geburt, Heranwachsen, Erwachsensein, Altern, Sterben; Berufswahl, Arbeitsplatzwechsel, berufliche Neuorientierung, Ausscheiden aus dem Berufsleben; Partnerwahl, Heirat, Umzug, Trennung, Krankheit, Verlust, Tod; Positions-, Status- und Rollenwechsel aller Art. Die Veränderung an sich ist oft nicht das Problem. Es ist der Übergang.

Als Übergang erleben wir den dazugehörigen inneren (psychologischen) Prozess, der im Kern drei Phasen umfasst:

Loslassen

Das Loslassen kann viele Gesichter haben. Manchmal beginnt es so leise, dass wir es kaum bemerken. Das Leben erscheint uns zunehmend stumpf und fad, wir fragen nach dem Sinn unseres Tuns oder fühlen uns erschöpft und nicht mehr so interessiert. Es können aber auch Ereignisse sein, die den gewohnten Lauf der Dinge unterbrechen und verändern. Es können eigene Entscheidungen und selbstgewählte Veränderungen sein … Im Kern geht es darum, etwas Bekanntes, Vertrautes, Identitätsstiftendes zu verlassen. Es ist wie ein Abschiednehmen, ohne genau zu wissen, wohin man aufbricht. Und manchmal bricht man deshalb nicht auf.

Zum Loslassen gehört auch, zurückzuschauen und anzuerkennen, wer man bisher geworden ist. Zu lernen, die Dinge beim Namen zu nennen. Das ist ein emotionales Geschehen, manchmal schmerzhaft und doch heilsam.

Zurückschauen und Abschiednehmen heißt etwas zu beenden. Ein Übergang beginnt mit einem Ende.

Anatole France beschreibt es so: „Alle Veränderungen, selbst die ersehntesten, gehen mit einer Melancholie einher; denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil von uns selbst; wir müssen in einem Leben sterben, bevor wir in ein neues hineingeboren werden können.“

Dazwischensein

Während wir Loslassen üben, gleiten oder stolpern wir in das Nichtwissen des Dazwischenseins (Liminalität) hinein. Für viele ist Nichtwissen ein schwer aushaltbarer Zustand. Doch wenn wir versuchen, das Geschehen zu verkürzen, sorgen wir in gewisser Weise dafür, bei nächster Gelegenheit gleich wieder hier zu landen, weil die schnelle Lösung nicht wirklich trägt.

Im Dazwischensein geht es langsam nach innen, in die Tiefen der Persönlichkeit, in Richtung Seele.

Wir sind gerufen uns mit dem Wesentlichen – mit unserem Wesen – auseinanderzusetzen. In diesem Prozess können wir bemerken, wie sich Sinn und Bedeutung unseres Lebens verschieben oder bereits verschoben haben.

Im Dazwischensein wissen wir noch nicht, ob der Übergang gelingt. Der Ausgang ist offen, das Neue noch nicht greifbar. Das kann als zutiefst beunruhigend oder verstörend empfunden werden. Wir sind dünnhäutig und verletzlich. Wird die Verunsicherung darüber zu groß, können wir in alte Muster und Deutungen zurückfallen. Was uns in dieser Phase hilft, sind Orientierung und Vertrauen – nicht primär als Worte, sondern spürbar als Erfahrung.

Es ist ein Ringen, von außen kaum wahrnehmbar, doch innerlich entfaltet sich ein Prozess, der sehr viel Energie braucht und bindet.

Weil von außen betrachtet nichts zu passieren scheint, werden die Erwartungen aus dem Umfeld immer lauter: Mach doch endlich was! Da, wo es Reflexion und tieferes Erkunden braucht, erwarten Außenstehende Entscheidungen und Aktionen. Dieses Missverständnis bringt zusätzlichen Stress ins Geschehen.

In einem tiefen Moment des Dazwischenseins erwartet uns eine außergewöhnliche Erfahrung: der „Tod“ des Egos oder das „Sterben“ einer alten Geschichte über uns selbst, also etwas, was dem alten Selbstbild ein Ende bereitet und uns für die Begegnung mit den ureigenen Seelenqualitäten öffnet (siehe Archetyp der Heldenreise).

Eine neue Identität entwickeln

So kündigt sich das Hineinwachsen in das Neue an: aus der Tiefe vermag sich eine neue Identität zu entwickeln. Es braucht Zeit, diesen neuen Zugang zu sich selbst zu pflegen, sich den eigenen Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen zu öffnen und neue Verhaltensweisen zu erproben.

Wir beginnen unser Leben neu zu ordnen, uns an Sinnempfinden und eigenen Werten auszurichten, ein neues Lebensbild – eine Vision – zu entwickeln. Wir lernen für uns einzustehen, aufrichtiger und freier zu leben, tragende Beziehungen zu gestalten, freiwillig Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen.

Wir werden unabhängiger von äußeren Umständen. Wir beginnen das neue Selbst zu verkörpern. Wir fühlen uns erfrischt und angekommen. Der Übergang endet mit einem Neuanfang.

Unerkannte Übergänge

Was passiert, wenn Übergänge unerkannt bleiben, sowohl von der Person, die sich im Geschehen befindet als auch vom Umfeld?

Wenn die Krise, der Orientierungsverlust, der Druck zu heftig werden und die Mitmenschen mit Unverständnis reagieren, entscheiden sich viele Menschen für den Weg in ein therapeutisches Setting. Das kann hilfreich und stabilisierend wirken.

Und doch bleibt oft der Eindruck hängen, etwas wäre „falsch“ oder man müsse sich nur mehr anstrengen. Beides halte ich für verhängnisvoll.

Übergänge gehören zum Menschsein. Wenn wir Übergänge als solche erkennen, können wir sie bewusst gestalten.

Bewältigungsstrategien

Im Prinzip hat es die Natur weise eingerichtet: Mensch braucht offenbar ein gewisses Maß an Stress oder Druck, um sich zu bewegen.

Stress- und Herausforderungsempfindungen sind sehr individuell, und ebenso individuell können psychische Entlastungsversuche sein. Es geht weniger darum, ob Entlastung in einen konstruktiven oder destruktiven Prozess mündet; viel wichtiger ist das Entlasten selbst. Und hierin liegt eine Gefahr: Unbewusste emotionale und psychische Entlastungsversuche können zum persönlichen Schaden wirken und ganze Gesellschaften sprengen.

Begleitete Übergänge machen konstruktive Bewältigungsstrategien zugänglich. Und diese zeigen ein methodenübergreifendes Muster: Es geht um Standortbestimmung und Stabilisierung, Anleitung zum Selbsterkunden und Erweitern des Selbstbildes, Orientierung und Neuausrichtung, Verinnerlichen und Verkörpern des Neuen.

Übergänge in der Natur

Es gibt viele Möglichkeiten Übergänge zu begleiten und zu gestalten, doch Übergänge im Spiegel der Natur zu vollziehen gilt als besonders artgerechte Weise.

Wenn wir nach draußen gehen, finden wir Ruhe und schöpfen Kraft. Ein Naturgang kann bei jedem Wetter klärend wirken. Die Qualität unserer Aufmerksamkeit verändert sich: Sie wird weiter, fließender, offener. Wir werden empfänglicher.

Diese Erfahrungen haben Menschen seit jeher genutzt und sich in Übergängen in die Natur zurückgezogen. In der Stille und im Spiegel der Natur fanden sie Antworten, Heilung und Mut in sich.

Die Natur ist wesentlicher Schauplatz und Spiegel für Bewusstwerdungsprozesse. Sie spiegelt unsere innere Wildnis – die Seele als jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen – durch Bilder, die uns helfen Worte zu finden, wofür es bisher keine Worte gab. Das lässt uns erfassen, was einem rationalen Zugang oft verborgen bleibt: unsere innere Natur in ihrer Fülle und in ihrer Werdensabsicht.

Wir kennen Übergangsriten in der Natur aus allen Kulturen der Erde. Sinn und Zweck dieser Riten ist es, die schwierigen Passagen zu begleiten und abzusichern, indem sie den inneren Erkundungen einen Rahmen – und damit Zuwendung, Halt und Orientierung – geben. Gleichzeitig helfen sie die innere Arbeit des Individuums zu würdigen, wissend, dass diese innere Arbeit dazu beiträgt die Gemeinschaft als Ganzes zu stärken und zu erneuern.

Deshalb betonte mein Lehrer Holger Heiten, dass Passageriten zu den wichtigsten kulturellen Leistungen einer Gesellschaft zählen.

Zum Wohl und zur Erneuerung der Gemeinschaft

Auch wenn das Wissen um die Übergänge zunächst persönlich relevant und wertvoll erscheint, ist der wahre Entfaltungsraum die Gesellschaft. Menschliche Entwicklung vollzieht sich durch Aufeinanderbezogensein im Netz des Lebens.

Wir brauchen gerade jetzt das Wissen um die Dynamiken der Übergänge als Schlüssel zum Verständnis der inneren (individuellen) und äußeren (kollektiven) Dimensionen und Wirkkraft dieser Prozesse. Wir müssen erkennen können, was mit uns und um uns passiert und die tieferen Beweggründe verstehen. Dann sehen wir, wo unsere wahren Handlungsfelder liegen.

Ein Übergang beginnt mit einem Ende …

Wie beschreibst du deinen ultimativen Platz? Welche Art Zugehörigkeit zu dieser Welt hast du entwickelt? Wie können wir zusammenarbeiten und dem Leben dienen? Welche Spuren wollen wir hinterlassen? …

Wenn ich den Zustand der Welt betrachte und auf mich wirken lasse, komme ich immer öfter zu dem Schluss: Wir brauchen mehr Seele.

Ist nicht genau dieser Zustand ein Resultat entseelten Handelns?

Ist nicht die psychosoziale Lage in unserem Land ein Ausdruck von blockierten Zugängen zur Seele?

Ist nicht die Klimakrise ein Ausdruck unserer Entfremdung vom Urgrund des Lebens, von Natur und damit von der eigenen Menschenseele?

Wie ich Seele verstehe

Ich verstehe Seele als unsere wahre Natur, die tiefere Essenz dessen, wer wir sind mit unseren Kernfähigkeiten, tieferen Werten, innigsten Absichten – der natürlichste und lebendigste Teil in uns.

Damit beschreibt Seele einen individuellen Wesenskern, der von schützenden Schichten umhüllt ist, die letztlich unsere Persönlichkeit formen. Doch unsere Persönlichkeit ist nicht unsere Seele. Bestenfalls fungiert eine authentische, gereifte Persönlichkeit als eine Art Umsetzungssystem für Seelenausdruck.

Wenn wir die Seele als unser wahres inneres Wesen begreifen – die Idee dessen, wofür wir gemeint sind – wird deutlich, dass wir tiefer schürfen müssen, weil wir es nicht mit etwas Offensichtlichem zu tun haben.

Da die Beziehung unserer Kultur zur Seele widersprüchlich ist, erhalten wir widersprüchliche Botschaften darüber, wie wir Seele auffassen können.

Deshalb scheint mir eine weitere Begriffsklärung angemessen. Weil der wissenschaftliche Diskurs anhält, habe ich mir für mein Arbeiten an die Tiefenpsychologie angelehnte alltagspraktische Definitionen geschaffen.

Das Ego, die Seele, das Selbst

Das Ego oder das Ich verstehe ich wie ein „Gefäß“ für das eigene Leben. Es ist unsere Wirklichkeitsfunktion (S.Freud), die uns hilft unseren Alltag zu meistern. Das Ego schafft eine Grenze zwischen uns und allem anderen und lässt uns gleichzeitig mit der Welt in Verbindung bleiben. Das Ego ermöglicht es, dass wir uns in die Welt einfügen und sie verändern können.

Soziale und politische Theorien (z.B. in der Literatur zu Management, Arbeitswelten, Erziehung, sozialen Systemen) konzentrieren sich auf ein gesundes Ego und klammern Seele und Selbst aus. Auch viele Bereiche der Psychologie behandeln nur Ich-Belange und Ego-Entwicklung. Das ist weder gut noch schlecht, es beschreibt nur, was betrachtet wird und was nicht.

Die Seele ist (nach C.G. Jung) unsere wahre Natur, die tiefe Essenz dessen, wer wir sind. Die Seele fordert uns auf zu wachsen, unsere Einzigartigkeit zu entwickeln, das Tiefe und Unbewusste in uns zu akzeptieren und mit Vertrauen in die Welt zu blicken.

A.Maslow beschreibt in der Ego-Seelen-Dynamik den in die menschliche Natur eingebetteten existenziellen Konflikt zwischen den Kräften, die unser Ego verteidigen, und den Kräften, die uns wachsen sehen wollen.

Aus der Verbindung von Ego und Seele geht das Selbst hervor. Es wirkt als Vermittler der Seele: Wir wissen, wer wir sind und haben ein Gefühl und einen Ausdruck echter Identität erreicht (Selbstausdruck). Wir integrieren nach und nach die disparaten Anteile unserer Psyche und erleben Integrität und Ganzheit. Wir haben unsere Gabe/unsere Aufgabe erkannt und finden angemessene Möglichkeiten (Umsetzungssysteme) uns in die Welt hinein auszudrücken und einen Beitrag zum Leben zu leisten, den NUR wir leisten können.

Wofür wir mehr Seele brauchen

Komprimiert ausgedrückt: Wir brauchen Seele und Wege zur Seelenbegegnung, um unser evolutionäres Potenzial zu entfalten.

Gehe hinaus und frage Menschen nach ihrer tiefsten Sehnsucht … und höre wach und mit offenem Herzen zu. Es gibt ein Muster in diesen Geschichten.

Wir sehnen uns danach, das eigene Wesen zu entdecken, unsere eigene Art der Zugehörigkeit zu dieser Welt zu finden und die Gabe, mit der wir geboren wurden, einzubringen.

Ebenso stark wie dieses Sehnen ist unsere Angst zu finden, wonach wir suchen. Wir ahnen, dass dies unseren Wunsch nach Sicherheit und Bequemlichkeit erschüttern und unser Leben gründlich verändern würde.

Tief im Inneren spüren wir, dass wir uns selbst verleugnen, wenn wir dieses Sehnen ignorieren, und wir in einem fremdbestimmten, viel zu engem Leben hocken bleiben. Wir spüren diesen ungelösten Konflikt und wir hoffen, dass ihn jemand von höherer Macht auf elegante und schonende Weise für uns lösen möge.

Doch so läuft das leider nicht.

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Also suchen wir nach einer Art Ausweg frei nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Wir suchen Ärzte auf, wenn die Psyche somatisiert. Wir erhoffen von Psychotherapeuten, dass sie unsere emotionalen Wunden versorgen. Wir suchen in Religionen nach Seelenheil. Wir erreichen einige Fortschritte, doch das große Sehnen bleibt. Auch wenn wir uns noch so anstrengen, hart arbeiten, aufsteigen, Familien gründen, Häuser bauen, uns erschöpfen, uns durch Konsumieren trösten, uns betäuben – auf diese Art erfüllt sich unser tiefstes Sehnen nicht.

In den Mythologien der Welt finden wir zahllose Geschichten über die Reise zur Seele. Sie beschreiben das Hinabsteigen der Held*innen in die Tiefen der Unterwelt (siehe Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, Frankfurt am Main 1999).

Diese Geschichten zeigen, dass Seelenbegegnung für jede/n von uns gedacht ist, denn Heilung geschieht nur auf tiefster Ebene und in einer Weise, die uns befähigt unsere erwachsene Authentizität und Einzigartigkeit auszudrücken und unseren besonderen Platz in der Welt einzunehmen.

Der Archetyp der Heldenreise

Die Heldenreise (auch Monomythos oder Quest genannt) beschreibt einen Weg der Seelenbegegnung. Die mythischen Held*innen stehen gleichsam für dich und für mich, für Menschen mitten im alltäglichen Leben.

Die Reise beginnt mit dem Entschluss und der Vorbereitung. Wir brauchen unsere ganze Kompetenz, unseren Mut, unsere Menschlichkeit, um gegen die Zweifel und Hindernisse zu bestehen.

Dann brechen wir auf und verlassen das Bekannte und Alltägliche: das Zuhause, die sozialen Rollen, das bisherige Selbstverständnis. Wir betreten unbekanntes Terrain.

Wir erreichen eine Schwelle, die unsere Alltagswelt von der tieferen numinosen Seelenwelt trennt. Oft wird diese Schwelle, dieser Übergang, von einem Schwellenwächter bewacht, der die Ernsthaftigkeit unserer Absicht prüft. Das ist ein wichtiger Moment der Reise und soll den Wechsel der Bewusstseinsebenen unterstützen.

Wir reisen, so Campbell, durch „eine Welt unbekannter und doch seltsam vertrauter Kräfte“. Sie stehen für unsere bislang abgewehrten Anteile und Aspekte.

Im tiefsten Moment der Reise erwartet uns eine außergewöhnliche Erfahrung: der „Tod“ des Egos oder das „Sterben“ eines alten Mythos (einer alten Geschichte über uns selbst), also etwas, was dem alten Selbstbild ein Ende bereitet und uns, wie zur Belohnung, für die Begegnung mit der Seele öffnet.

Seelenkräfte entdecken

Das Entdecken von Seelenkräften wird auf verschiedene Weise erfahren. Im Mythos wird dieses verwandelnde Moment durch das Erhalten eines Schatzes, Elixiers oder heiligen Gegenstands symbolisiert. In jedem Fall führt es dazu, dass wir in weitaus bewussterer Übereinstimmung mit der Seele als zuvor in die Alltagswelt zurückkehren.

Indem wir lernen unsere Seelenkräfte zu verkörpern, wird die Welt innerlich wie äußerlich erneuert: Unser Weltbild erweitert sich, unser Platz darin verändert sich und wir wissen um unsere heilige Aufgabe, mit der wir unsere Gemeinschaft bereichern.

Darüber hinaus haben wir erfahren, was es bedeutet, dem Ruf der Seele zu folgen und werden ihre Stimme fortan freier hören können … und erneut aufbrechen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Die drei Phasen der Reise entsprechen den Phasen der psychologischen Entwicklung des Menschen: Wir entwickeln das Ego, dann begegnen wir der Seele und schließlich bringen wir unser einzigartiges Selbst hervor – immer vorausgesetzt, wir treten diese Reise an.

 

 

Wie wir uns der Seele öffnen

Die wirksamsten Wege zur Seele öffnen sich im Zwiegespräch mit der Natur. Dabei ist die äußere Wildnis Schauplatz und gleichzeitig Spiegel unserer inneren Wildnis – jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen. Der Spiegel der Natur lässt uns erfassen, was sich dem Bewussten noch entzieht. Wenn wir bereit sind, uns diesen Kräften zu öffnen, antwortet die Seele in der ihr eigenen Weise.

Natur und Seele bedingen einander und sprechen auf sehr ähnliche Art vom Wesen einer Sache – sei es ein Baum, ein Tier oder eine Person. Die Natur braucht uns in unserer Seelenverkörperung, damit die Welt ganz – vollständig – zum Ausdruck kommt. Und unsere Seele verlangt nach einer Welt, in der sich Natur vollständig und verschiedenartig verkörpern kann.

Was kostet es uns die Seele zu ignorieren?

Ich denke, ein wesentlicher Teil der Kosten liegt bereits auf dem Tisch. Wir können berechnen, was uns die globale Krise, die ich als Krise des Menschseins verstehe, tagtäglich kostet. Allein die Berichte zur psychosozialen Lage in Deutschland erzählen ihre eigene Geschichte. Und diese gehört verknüpft mit den Geschichten von seelischer Verfasstheit in den Bereichen von Wirtschaft, Gesundheit, Öffentlicher Sektor und Verwaltung, Landwirtschaft, Erziehung und Bildung, Führung, Politik, Kultur …

Ich gehe davon aus, dass es Modelle gibt, anhand derer sich berechnen lässt, wie sich diese Kosten in die Zukunft hinein fortschreiben. Doch Zahlen allein bilden niemals die umfassendere Wirklichkeit ab.

Jede/r kann für einen Moment innehalten und sich vorstellen, wie eine anhaltende Blockierung von Seelenqualitäten in unser aller Leben wirken würde und welche materiellen und immateriellen Folgen das ergäbe.

Wenn ich den aktuellen Zustand der Welt als eine kollektive Entwicklungskrise betrachte, sehe ich die Herausforderungen UND die Gelegenheiten. Niemand hindert uns, die Chancen zu ergreifen. Und weil ich gelernt habe das Hinabsteigen zu begleiten und diese Aufgabe mich gefunden hat, nehme ich meinen Platz an der Schwelle ein … und erwarte dich dort.

Das kann dich unterstützen ein gesundes Ego zu entwickeln und dich auf die Begegnung mit der Seele vorzubereiten:

Die Reise

Eines Tages wusstest du schließlich,
was du zu tun hattest, und du begannst,
obwohl die Stimmen um dich herum
ihren schlechten Rat 
weiterschrien –
obwohl das ganze Haus
zu zittern begann
und du das alte Zerren
an deinen Fußgelenken spüren konntest.
„Bring mein Leben ins Reine!“
schrie jede Stimme.
Doch du bliebst nicht stehen.
Du wusstest, was du tun musstest,
obwohl der Wind
seine steifen Finger
ins Fundament selbst steckte,
obwohl ihre Schwermut
furchtbar war.
Es war schon spät genug, und eine wilde Nacht,
und die Straße voller 
herabgefallener Äste und Steine.
Doch während Du die Stimmen zurückließt,
begannen die Sterne,
einer nach dem anderen
durch die Wolkendecke hindurch zu leuchten,
und da war eine neue Stimme,
die du langsam
als deine eigene erkanntest,
die dich begleitete,
als du tiefer und tiefer
in die Welt hinein schrittest,
fest entschlossen,
das einzige zu tun, was du tun konntest –
fest entschlossen, 
das einzige Leben zu retten, das du retten konntest.

Mary Oliver