Am Anfang unserer Lebensreise sind wir gerufen, unsere Ich-Kräfte zu entwickeln. Irgendwann spüren wir eine Sehnsucht, wobei wir anfangs kaum beschreiben können, wonach wir uns sehnen. Wenn wir der Sehnsucht folgen, öffnen wir uns für einen Prozess („die Reise“), der uns mehr zu uns selbst führen kann, zu dem, was in uns selbst lebt.

Wenn wir der Sehnsucht nicht folgen (können), interveniert das Leben durch eine handfeste Krise. Erst, wenn auf diese Weise deutlich wird, dass keine bekannte Herangehensweise aktuelle Probleme zu lösen vermag, sind wir bereit uns zu bewegen.

Hier deutet sich schon an, welche Archetypen uns begleiten: die Suchende, der Zerstörer, die Liebende, der Schöpfer.*

Die Archetypen der Reise

Die Suchende

Die Suchende küsst uns mit der Sehnsucht wach. Sie sucht nach Möglichkeiten der Verwandlung und öffnet den Weg in die Tiefe, denn es ist wichtig, seine innere Realität zu kennen, um Alleinsein und Auseinandersetzungen zu bestehen.

Die Energie der Suchenden gibt uns den Mut ins Unbekannte aufzubrechen und sich aus Abhängigkeiten zu lösen. Sie fordert uns auf, das zu erforschen, was wir am meisten fürchten.

Ihr Ziel ist ein besseres Leben, ihre Angst ist es, in der Falle zu sitzen. Also geht sie weg oder entflieht begrenzenden Umständen. Sie lernt, einer höheren Wahrheit zu folgen.

Die Geschenke der Suchenden sind Selbstständigkeit und Ehrgeiz. Der Schatten liegt in Perfektionismus, Bindungsunfähigkeit, Süchten.

Am Anfang stehen Unzufriedenheit und Leere quasi als Aufruf zum Erkunden, Experimentieren, Studieren, Ausprobieren; später geht es um eine vollständigere Version seiner selbst. In der Reife ist es die spirituelle Suche nach Verwandlung.

Der Zerstörer

Der Zerstörer bereitet uns auf den Abstieg in die Unterwelt vor und konfrontiert uns mit dem Tod. Anderenfalls halten wir am Zustand der Unschuld fest und leugnen die Seele. Meist erleben wir den Zerstörer zunächst in seiner Schattenform: als das potenzielle Selbst, das wir verdrängt haben. Der Schatten ist eigentlich eine gutartige Form des Zerstörers; wenn er integriert wird, enthält er ein Geschenk: Verwandlung wird möglich.

Der Zerstörer findet Ausdruck in selbstzerstörerischen Lebensweisen, in Unordnung und Chaos oder als Todeswunsch. Er zerstört unser Selbstbild oder unsere alte Geschichte. Er ist aber auch der Teil der Psyche, der Alter, Krankheit und Tod bewirkt. Somit steht er mit der positiven wie negativen Seite des Todes in Verbindung.

Wenn wir Einweihung durch den Zerstörer erfahren, erleben wir Verlust, Ohnmacht, Leid, Ungerechtigkeit, tiefes Sinnlosigkeitsgefühl oder das plötzliche Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit.

Das Ziel des Zerstörers ist Wachstum und Verwandlung. Seine Angst ist es festzustecken, vernichtet zu werden. Daher antwortet er selbst mit Zerstörung.

Die Entwicklungsaufgabe heißt Loslassen zu lernen und die Sterblichkeit zu akzeptieren. Das Geschenk ist Demut und Akzeptanz. Der Schatten liegt in Selbstzerstörung, Zerstörung anderer, Gewaltanwendung.

Zuerst erfahren wir Schmerz, Leid, Tragödie, Verlust und antworten mit Verwirrung. Dann beschäftigen wir uns mit der Bedeutung von Tod, Verlust oder Schmerz und lernen unsere relative Ohnmacht zu akzeptieren. In der reifen Form entwickeln wir die Fähigkeit, bewusst alles loszulassen, was die Werte, das Leben und das Wachstum nicht mehr fördert.

Die Liebende

Die Liebende steht für die erotische Energie der Lebenskraft und wird durch die heilige Hochzeit symbolisiert, die uns über die Dualität hinausführt.

Sie öffnet uns die Welt der Seele durch das gegengeschlechtliche Element von Anima und Animus. Sie hilft uns, durch erlösende, mitfühlende Liebe die Polaritäten zu vereinigen und führt uns so zu mehr Ganzheit. Ohne Liebe lässt sich die Seele nicht auf das Leben ein.

Eros steht für eine leidenschaftliche Verbindung (zu einer Landschaft, einer Arbeit, einer Aktivität, einem sozialen Anliegen, einer Lebensweise) und für Lebendigkeit.

Das Ziel der Liebenden ist Verbundenheit; sie fürchtet Beziehungslosigkeit. Durch die Liebende lernen wir uns dem zu verpflichten, was wir lieben.

Das Geschenk des Archetyps besteht in Bindungsfähigkeit, Leidenschaft, Ekstase. Der Schatten liegt in Eifersucht, Neid, sexueller Sucht, Puritanismus.

Verliebtheit ruft uns auf, dann folgen wir unserer Seligkeit. Später lernen wir uns zu binden. In der reifen Form akzeptieren wir uns selbst völlig und bringen so ein Selbst hervor. Wir verbinden das Persönliche mit dem Überpersönlichen, das Individuelle mit dem Kollektiven.

Der Schöpfer

Der Schöpfer weckt den tief in uns vorhandenen Samen unserer wahren Identität und hilft uns, unser echtes Selbst zu entdecken. Der Same ist ein symbolisches Bild für den Lebensauftrag jedes Menschen.

Der Schöpfer wird aktiv durch unsere Vorstellungskraft, die uns hilft neues Leben hervorzubringen. Er stärkt das Gefühl für unseren Beitrag und Platz in der Welt. Weil die Seele – nicht das Ich – unser Leben erschafft, hilft uns die Kraft des Schöpfers eine Partnerschaft zwischen Ich und Seele zu bilden, damit beide miteinander arbeiten.

Der Schöpfer vertreibt uns aus unechten Lebensrollen und drängt uns, unsere Identität geltend zu machen. Dadurch lernen wir, uns als Teil des Lebens und des selbst Geschaffenen zu akzeptieren.

Seine Geschenke heißen Kreativität, Identität, Berufung. Der Schattenschöpfer erschafft negative Umstände oder begrenzende Gelegenheiten oder zeigt sich in zwanghaftem Schaffen, in Arbeitssucht.

Tagträume, Fantasien, Bilder rufen den Schöpfer in uns wach. Wir öffnen uns für Visionen, Bilder, Ahnungen, Inspiration. Später erkennen wir, was wir wirklich haben, tun, erschaffen wollen. Die reife Version des Schöpfers zeigt sich im bewussten, experimentellen Herangehen, um das Imaginierte zu realisieren.

Archetypen der Übergänge

Die Suchende, der Zerstörer, die Liebende und der Schöpfer helfen uns, unsere innere Welt zu erkunden, unsere Sehnsüchte zu klären, Schattenelemente der Psyche zu integrieren, männliche und weibliche Aspekte auszugleichen und mehr und mehr zu erfahren, wer wir sind.

Die Archetypen der Reise besuchen uns um die Lebensmitte. Ein Zufall? Oder ein Einfall des Lebens?

Mit Hilfe der Suchenden brechen wir auf. Der Zerstörer lässt unsere alte Geschichte sterben. Die Liebende schenkt uns Energie und Leidenschaftlichkeit sowie die Fähigkeit sich zu binden. Der Schöpfer hilft uns den Samen unserer wahren Identität zu entdecken und eine Vision für unser Leben zu entwickeln.

Ich möchte betonen: Die archetypischen Bilder helfen uns, Qualitäten in uns zu entdecken und zu benennen. Sie helfen uns zu erfassen, welche Handlungsmuster wir bevorzugt aktivieren und welche weniger. Sie helfen uns auch zu entscheiden, wovon wir in Zukunft mehr in unserem Leben wollen und wovon weniger. Dann wird es möglich, starke Archetypen anzuerkennen und andere mehr zu aktivieren. Der Schlüssel zu mehr Ganzheit liegt im Bewusstwerden.

 

*Angeleht an C.S. Pearson: Die 12 seelischen Archetypen, München 2019

Der vorige Beitrag beschreibt den Prozess der Individuation anhand des Bildes der (Lebens)Reise und der Archetypen als Begleiter. Hier will ich die Archetypen vorstellen, die unsere Ich-Entwicklung mitgestalten: die Unschuldige, den Verwaisten, die Kriegerin, den Geber.*

Die Archetypen der Vorbereitung

Die Unschuldige

Wir alle beginnen in der Unschuld. Es ist diese Zeit am Anfang unseres Daseins, bevor wir ein Ich-Bewusstsein ausbilden, also noch in inniger Verbindung zur uns umgebenden Welt leben.

Günstigenfalls beginnen wir im Vertrauen. Die Unschuldige ist der Teil in uns, der dem Leben, den anderen und sich selbst vertraut – sogar dann, wenn es nicht mehr gerechtfertigt ist. Die Unschuldige hilft uns, grundlegende Lebensfertigkeiten zu erlernen, die Persona auszubilden, d.h. eine Persönlichkeit und Rolle in der Gesellschaft sowie einen Platz in der Gemeinschaft zu finden.

Mythen erzählen vom Fall aus der Unschuld, aus dem Paradies, aus dem Göttlichen. Damit steht die Unschuld am Anfang und am Ende unserer Lebensreise: Anfangs war sie einfach da, später wählen wir sie. Wir kennen diesen Zauber vom Beginnen: Weil wir nicht wissen, was kommt, müssen wir vertrauen.

Das Ziel der Unschuldigen ist Sicherheit, ihre große Angst ist die vorm Verlassenwerden. Ihre Aufgabe ist es, Unterscheidungsvermögen zu entwickeln. Das Geschenk dieses Archetyps ist Vertrauen, Optimismus, Loyalität; der Schatten ist das Leugnen, Verdrängen, Verweigern, Vorwürfe, Konformität.

Die Unschuldige sucht eine sichere Umgebung, möchte beschützt werden sowie Liebe und Anerkennung erleben.

Anfangs akzeptiert sie ihre Umgebung und Autoritäten bedingungslos. Sie ist überzeugt, dass die Welt, die erlebt wird, alles ist; sie fühlt sich abhängig. Nach dem „Fall“ setzt Ernüchterung ein, aber Vertrauen und Optimismus werden beibehalten. Gereift kehrt die Unschuldige als weise Unschuldige ins Paradies zurück: Sie kann vertrauen ohne zu leugnen, naiv oder abhängig zu sein.

Der Verwaiste

Verwaiste erleben den „Fall“ wie die Unschuldigen, ziehen aber andere Schlüsse daraus: Sie sehen darin den Beweis für die grundlegende Wahrheit, dass wir alle auf uns selbst gestellt sind.

Der Verwaiste in uns wird durch Erfahrungen aktiviert, bei denen sich das Kind in uns verlassen, betrogen, vernachlässigt oder enttäuscht fühlt. Er beurteilt, welche Eigenschaften für das Bild der Persona aufgegeben oder versteckt werden müssen und lehrt uns Situationen zu erkennen und zu vermeiden, die uns verletzen könnten. Er lehrt uns auch, sich mit anderen zusammenschließen und füreinander sorgen.

Obgleich der Verwaiste kritisch gegenüber Macht, Autoritäten und Institutionen ist, empfindet er eine Ohnmacht und möchte gerettet zu werden.

Solange wir den Verwaisten in uns nicht anerkennen, wird er von uns im Stich gelassen. Die Folge wäre nicht nur ein verwundetes inneres Kind, sondern auch ein sehr einsames. Wenn wir jedoch unsere Verletzlichkeit anerkennen, können wir uns der Arbeit an unserer heiligen Wunde zuwenden und entdecken, wie unser Verwundetsein unser Wachstum und unsere Entwicklung motiviert.

Das Ziel des Verwaisten ist es, wieder Sicherheit zu erlangen, seine Angst ist es, ausgebeutet oder schlecht behandelt zu werden. Die Entwicklungsaufgabe besteht darin, Schmerz und Enttäuschung zu verarbeiten, die eigene Verletzlichkeit anzunehmen, sich für Hilfe von anderen zu öffnen, Illusionen aufzugeben und sich mit der Realität auseinanderzusetzen.

Das Geschenk dieses Archetyps ist ein Selbstvertrauen, das aus dem Erkennen der wechselseitigen Anhängigkeit, aus Einfühlungsvermögen und Realismus erwächst. Der Schatten liegt in Zynismus, Abgestumpftheit, Masochismus, in einer Opferrolle, die benutzt wird, um die Umgebung zu manipulieren.

Anfänglich erkennt der Verwaiste seine Misere an, fühlt Schmerz und Ohnmacht. Später akzeptiert er Hilfe. Gereift ersetzt er Abhängigkeit von Autoritäten durch Beziehungen zu Gleichgesinnten, die einander helfen, und entwickelt realistische Erwartungen.

Die Kriegerin

Die Kriegerin entflieht einer begrenzenden Umgebung und macht sich auf die Suche nach dem Schatz. Sie ruft uns auf Mut, Kraft und Integrität zu entwickeln und nährt die Fähigkeiten, sich Ziele zu setzen und zu erreichen und gut zu planen. Ein Krieger kämpft für sich und andere, um sie zu schützen. Er lebt und kämpft für Prinzipien, auch wenn das Nachteile bringt. Es geht darum, die eigenen Grenzen zu schützen, mit so wenig Gewalt, wie möglich.

Kriegerinnen wollen den eigenen Willen behaupten und durch Kampf Veränderung bewirken. Sie fürchten Schwäche, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Unfähigkeit. Ihre Entwicklungsaufgabe heißt zivilisierte Selbstbehauptung und für das zu kämpfen, was wirklich wichtig ist.

Das Geschenk der Kriegerin liegt in Mut, Disziplin und Können. Zum Schatten gehören Skrupellosigkeit sowie das zwanghafte Bedürfnis zu gewinnen.

Anfangs kämpft die Kriegerin, um sich durchzusetzen. Später wird daraus ein von Prinzipien geleiteter Kampf für sich und andere. Es gilt die Regeln des fairen Kampfes zu achten. Der reifen Kriegerin geht es um Selbstbehauptung. Sie hat kein Bedürfnis nach Gewalt und zieht Lösungen vor, bei denen alle gewinnen. Sie lernt Konflikte zu benennen und aufrichtig zu kommunizieren.

Der Geber

Der Geber will helfen und durch Liebe etwas bewirken. Er ruft uns auf, für andere zu sorgen, Gemeinschaft zu schaffen, Menschen das Gefühl zu geben, dazuzugehören. Es geht um Pflegen und Fördern, um gesundes Geben.

Der Geber achtet auch auf die Bedürfnisse unseres inneren Kindes und hilft uns emotionale Unabhängigkeit zu entwickeln.

Er fürchtet Egoismus und Undankbarkeit. Seine Entwicklungsaufgabe besteht darin zu geben, ohne sich oder andere zu verstümmeln.

Die Geschenke des Archetyps sind Mitgefühl und Großzügigkeit. Der Schatten-Geber zeigt sich im leidenden Märtyrer, in Eltern, die „verschlingen“, in einem Verhalten, das Schuldgefühle auslöst oder in Verhaltensweisen, die Sucht, Verantwortungslosigkeit oder Narzissmus anderer unterstützen.

Anfangs bewegen sich Gebende im Konflikt zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen und neigen dazu, die eigenen Bedürfnisse dem unterzuordnen, was andere wollen oder brauchen. Später lernen sie, für sich selbst zu sorgen, sodass die anderen gewährte Fürsorge bereichert. Sie vermitteln anderen Fähigkeiten, anstatt für sie zu handeln.

Entwickelte Geber wissen, wer sie sind und was sie wollen. Sie empfinden Geben als Ausdruck von Selbstachtung. Sie sind bereit zur Fürsorge für die Erde, übernehmen Verantwortung und helfen Gemeinschaften aufzubauen.

Der Geber gilt als reifster mit der Ich-Entwicklung verbundener Archetyp. Er öffnet die Tür vom Ich zur Seele.

Die Ich-Archetypen und Identität

Die Unschuldige, der Verwaiste, die Kriegerin und der Geber helfen uns herauszufinden, wer wir sind: Mit Hilfe der Unschuldigen erkennen wir, was wir wollen. Der Verwaiste steht für eine Verletzung, die oft die Art unseres Wachstums bestimmt. Die Kriegerin setzt sich Ziele und Prioritäten, kämpft dafür und schafft sich so eine Identität, die sie gewählt hat. Der Geber läutert diese Identität durch den Verzicht. Er möchte für alles sorgen, doch wir können nicht für alle Menschen alles sein. Der Geber muss auf das eine zugunsten des anderen verzichten.

Mir ist es wichtig klarzustellen: Wir sind nicht die Archetypen. Die archetypischen Bilder helfen uns, Qualitäten in uns zu entdecken und zu benennen. Sie helfen uns zu erfassen, welche Handlungsmuster wir bevorzugt aktivieren und welche weniger. Sie helfen uns auch zu entscheiden, wovon wir in Zukunft mehr in unserem Leben wollen und wovon weniger. Dann wird es möglich, starke Archetypen anzuerkennen und andere mehr zu aktivieren. Der Schlüssel zu mehr Ganzheit liegt im Bewusstwerden.

 

*Angeleht an C.S. Pearson: Die 12 seelischen Archetypen, München 2019

Wenn ich den Zustand der Welt betrachte und auf mich wirken lasse, komme ich immer öfter zu dem Schluss: Wir brauchen mehr Seele.

Ist nicht genau dieser Zustand ein Resultat entseelten Handelns?

Ist nicht die psychosoziale Lage in unserem Land ein Ausdruck von blockierten Zugängen zur Seele?

Ist nicht die Klimakrise ein Ausdruck unserer Entfremdung vom Urgrund des Lebens, von Natur und damit von der eigenen Menschenseele?

Wie ich Seele verstehe

Ich verstehe Seele als unsere wahre Natur, die tiefere Essenz dessen, wer wir sind mit unseren Kernfähigkeiten, tieferen Werten, innigsten Absichten – der natürlichste und lebendigste Teil in uns.

Damit beschreibt Seele einen individuellen Wesenskern, der von schützenden Schichten umhüllt ist, die letztlich unsere Persönlichkeit formen. Doch unsere Persönlichkeit ist nicht unsere Seele. Bestenfalls fungiert eine authentische, gereifte Persönlichkeit als eine Art Umsetzungssystem für Seelenausdruck.

Wenn wir die Seele als unser wahres inneres Wesen begreifen – die Idee dessen, wofür wir gemeint sind – wird deutlich, dass wir tiefer schürfen müssen, weil wir es nicht mit etwas Offensichtlichem zu tun haben.

Da die Beziehung unserer Kultur zur Seele widersprüchlich ist, erhalten wir widersprüchliche Botschaften darüber, wie wir Seele auffassen können.

Deshalb scheint mir eine weitere Begriffsklärung angemessen. Weil der wissenschaftliche Diskurs anhält, habe ich mir für mein Arbeiten an die Tiefenpsychologie angelehnte alltagspraktische Definitionen geschaffen.

Das Ego, die Seele, das Selbst

Das Ego oder das Ich verstehe ich wie ein „Gefäß“ für das eigene Leben. Es ist unsere Wirklichkeitsfunktion (S.Freud), die uns hilft unseren Alltag zu meistern. Das Ego schafft eine Grenze zwischen uns und allem anderen und lässt uns gleichzeitig mit der Welt in Verbindung bleiben. Das Ego ermöglicht es, dass wir uns in die Welt einfügen und sie verändern können.

Soziale und politische Theorien (z.B. in der Literatur zu Management, Arbeitswelten, Erziehung, sozialen Systemen) konzentrieren sich auf ein gesundes Ego und klammern Seele und Selbst aus. Auch viele Bereiche der Psychologie behandeln nur Ich-Belange und Ego-Entwicklung. Das ist weder gut noch schlecht, es beschreibt nur, was betrachtet wird und was nicht.

Die Seele ist (nach C.G. Jung) unsere wahre Natur, die tiefe Essenz dessen, wer wir sind. Die Seele fordert uns auf zu wachsen, unsere Einzigartigkeit zu entwickeln, das Tiefe und Unbewusste in uns zu akzeptieren und mit Vertrauen in die Welt zu blicken.

A.Maslow beschreibt in der Ego-Seelen-Dynamik den in die menschliche Natur eingebetteten existenziellen Konflikt zwischen den Kräften, die unser Ego verteidigen, und den Kräften, die uns wachsen sehen wollen.

Aus der Verbindung von Ego und Seele geht das Selbst hervor. Es wirkt als Vermittler der Seele: Wir wissen, wer wir sind und haben ein Gefühl und einen Ausdruck echter Identität erreicht (Selbstausdruck). Wir integrieren nach und nach die disparaten Anteile unserer Psyche und erleben Integrität und Ganzheit. Wir haben unsere Gabe/unsere Aufgabe erkannt und finden angemessene Möglichkeiten (Umsetzungssysteme) uns in die Welt hinein auszudrücken und einen Beitrag zum Leben zu leisten, den NUR wir leisten können.

Wofür wir mehr Seele brauchen

Komprimiert ausgedrückt: Wir brauchen Seele und Wege zur Seelenbegegnung, um unser evolutionäres Potenzial zu entfalten.

Gehe hinaus und frage Menschen nach ihrer tiefsten Sehnsucht … und höre wach und mit offenem Herzen zu. Es gibt ein Muster in diesen Geschichten.

Wir sehnen uns danach, das eigene Wesen zu entdecken, unsere eigene Art der Zugehörigkeit zu dieser Welt zu finden und die Gabe, mit der wir geboren wurden, einzubringen.

Ebenso stark wie dieses Sehnen ist unsere Angst zu finden, wonach wir suchen. Wir ahnen, dass dies unseren Wunsch nach Sicherheit und Bequemlichkeit erschüttern und unser Leben gründlich verändern würde.

Tief im Inneren spüren wir, dass wir uns selbst verleugnen, wenn wir dieses Sehnen ignorieren, und wir in einem fremdbestimmten, viel zu engem Leben hocken bleiben. Wir spüren diesen ungelösten Konflikt und wir hoffen, dass ihn jemand von höherer Macht auf elegante und schonende Weise für uns lösen möge.

Doch so läuft das leider nicht.

Suchen

Also suchen wir nach einer Art Ausweg frei nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Wir suchen Ärzte auf, wenn die Psyche somatisiert. Wir erhoffen von Psychotherapeuten, dass sie unsere emotionalen Wunden versorgen. Wir suchen in Religionen nach Seelenheil. Wir erreichen einige Fortschritte, doch das große Sehnen bleibt. Auch wenn wir uns noch so anstrengen, hart arbeiten, aufsteigen, Familien gründen, Häuser bauen, uns erschöpfen, uns durch Konsumieren trösten, uns betäuben – auf diese Art erfüllt sich unser tiefstes Sehnen nicht.

In den Mythologien der Welt finden wir zahllose Geschichten über die Reise zur Seele. Sie beschreiben das Hinabsteigen der Held*innen in die Tiefen der Unterwelt (siehe Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, Frankfurt am Main 1999).

Diese Geschichten zeigen, dass Seelenbegegnung für jede/n von uns gedacht ist, denn Heilung geschieht nur auf tiefster Ebene und in einer Weise, die uns befähigt unsere erwachsene Authentizität und Einzigartigkeit auszudrücken und unseren besonderen Platz in der Welt einzunehmen.

Der Archetyp der Heldenreise

Die Heldenreise (auch Monomythos oder Quest genannt) beschreibt einen Weg der Seelenbegegnung. Die mythischen Held*innen stehen gleichsam für dich und für mich, für Menschen mitten im alltäglichen Leben.

Die Reise beginnt mit dem Entschluss und der Vorbereitung. Wir brauchen unsere ganze Kompetenz, unseren Mut, unsere Menschlichkeit, um gegen die Zweifel und Hindernisse zu bestehen.

Dann brechen wir auf und verlassen das Bekannte und Alltägliche: das Zuhause, die sozialen Rollen, das bisherige Selbstverständnis. Wir betreten unbekanntes Terrain.

Wir erreichen eine Schwelle, die unsere Alltagswelt von der tieferen numinosen Seelenwelt trennt. Oft wird diese Schwelle, dieser Übergang, von einem Schwellenwächter bewacht, der die Ernsthaftigkeit unserer Absicht prüft. Das ist ein wichtiger Moment der Reise und soll den Wechsel der Bewusstseinsebenen unterstützen.

Wir reisen, so Campbell, durch „eine Welt unbekannter und doch seltsam vertrauter Kräfte“. Sie stehen für unsere bislang abgewehrten Anteile und Aspekte.

Im tiefsten Moment der Reise erwartet uns eine außergewöhnliche Erfahrung: der „Tod“ des Egos oder das „Sterben“ eines alten Mythos (einer alten Geschichte über uns selbst), also etwas, was dem alten Selbstbild ein Ende bereitet und uns, wie zur Belohnung, für die Begegnung mit der Seele öffnet.

Seelenkräfte entdecken

Das Entdecken von Seelenkräften wird auf verschiedene Weise erfahren. Im Mythos wird dieses verwandelnde Moment durch das Erhalten eines Schatzes, Elixiers oder heiligen Gegenstands symbolisiert. In jedem Fall führt es dazu, dass wir in weitaus bewussterer Übereinstimmung mit der Seele als zuvor in die Alltagswelt zurückkehren.

Indem wir lernen unsere Seelenkräfte zu verkörpern, wird die Welt innerlich wie äußerlich erneuert: Unser Weltbild erweitert sich, unser Platz darin verändert sich und wir wissen um unsere heilige Aufgabe, mit der wir unsere Gemeinschaft bereichern.

Darüber hinaus haben wir erfahren, was es bedeutet, dem Ruf der Seele zu folgen und werden ihre Stimme fortan freier hören können … und erneut aufbrechen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Die drei Phasen der Reise entsprechen den Phasen der psychologischen Entwicklung des Menschen: Wir entwickeln das Ego, dann begegnen wir der Seele und schließlich bringen wir unser einzigartiges Selbst hervor – immer vorausgesetzt, wir treten diese Reise an.

 

 

Wie wir uns der Seele öffnen

Die wirksamsten Wege zur Seele öffnen sich im Zwiegespräch mit der Natur. Dabei ist die äußere Wildnis Schauplatz und gleichzeitig Spiegel unserer inneren Wildnis – jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen. Der Spiegel der Natur lässt uns erfassen, was sich dem Bewussten noch entzieht. Wenn wir bereit sind, uns diesen Kräften zu öffnen, antwortet die Seele in der ihr eigenen Weise.

Natur und Seele bedingen einander und sprechen auf sehr ähnliche Art vom Wesen einer Sache – sei es ein Baum, ein Tier oder eine Person. Die Natur braucht uns in unserer Seelenverkörperung, damit die Welt ganz – vollständig – zum Ausdruck kommt. Und unsere Seele verlangt nach einer Welt, in der sich Natur vollständig und verschiedenartig verkörpern kann.

Was kostet es uns die Seele zu ignorieren?

Ich denke, ein wesentlicher Teil der Kosten liegt bereits auf dem Tisch. Wir können berechnen, was uns die globale Krise, die ich als Krise des Menschseins verstehe, tagtäglich kostet. Allein die Berichte zur psychosozialen Lage in Deutschland erzählen ihre eigene Geschichte. Und diese gehört verknüpft mit den Geschichten von seelischer Verfasstheit in den Bereichen von Wirtschaft, Gesundheit, Öffentlicher Sektor und Verwaltung, Landwirtschaft, Erziehung und Bildung, Führung, Politik, Kultur …

Ich gehe davon aus, dass es Modelle gibt, anhand derer sich berechnen lässt, wie sich diese Kosten in die Zukunft hinein fortschreiben. Doch Zahlen allein bilden niemals die umfassendere Wirklichkeit ab.

Jede/r kann für einen Moment innehalten und sich vorstellen, wie eine anhaltende Blockierung von Seelenqualitäten in unser aller Leben wirken würde und welche materiellen und immateriellen Folgen das ergäbe.

Wenn ich den aktuellen Zustand der Welt als eine kollektive Entwicklungskrise betrachte, sehe ich die Herausforderungen UND die Gelegenheiten. Niemand hindert uns, die Chancen zu ergreifen. Und weil ich gelernt habe das Hinabsteigen zu begleiten und diese Aufgabe mich gefunden hat, nehme ich meinen Platz an der Schwelle ein … und erwarte dich dort.

Das kann dich unterstützen ein gesundes Ego zu entwickeln und dich auf die Begegnung mit der Seele vorzubereiten:

Die Reise

Eines Tages wusstest du schließlich,
was du zu tun hattest, und du begannst,
obwohl die Stimmen um dich herum
ihren schlechten Rat 
weiterschrien –
obwohl das ganze Haus
zu zittern begann
und du das alte Zerren
an deinen Fußgelenken spüren konntest.
„Bring mein Leben ins Reine!“
schrie jede Stimme.
Doch du bliebst nicht stehen.
Du wusstest, was du tun musstest,
obwohl der Wind
seine steifen Finger
ins Fundament selbst steckte,
obwohl ihre Schwermut
furchtbar war.
Es war schon spät genug, und eine wilde Nacht,
und die Straße voller 
herabgefallener Äste und Steine.
Doch während Du die Stimmen zurückließt,
begannen die Sterne,
einer nach dem anderen
durch die Wolkendecke hindurch zu leuchten,
und da war eine neue Stimme,
die du langsam
als deine eigene erkanntest,
die dich begleitete,
als du tiefer und tiefer
in die Welt hinein schrittest,
fest entschlossen,
das einzige zu tun, was du tun konntest –
fest entschlossen, 
das einzige Leben zu retten, das du retten konntest.

Mary Oliver

Mein Aufruf zu mehr Reife und Mut führt mich immer wieder in interessante Gespräche über Persönlichkeitswachstum und reifes Erwachsensein. Dabei begegnet mir oft die Auffassung, Erwachsensein bedeute, seine Rechnungen bezahlen zu können und Verantwortung zu tragen.

Ich denke: Ja, das gehört dazu, und es ist noch viel mehr. Es käme mir direkt öde vor, wenn das alles wäre.

Woran erkennen wir „reife Erwachsene“? Was unterscheidet sie von anderen Erwachsenen? Und wofür brauchen wir überhaupt psychosoziale Reife?

Schöne Fragen. Wie Einladungen zu vielen Gesprächen, die wir gemeinsam führen sollten. Denn die Art und Weise wie wir Antworten finden, betrifft uns alle im Kern unseres Menschseins.

Der anhaltende Dialog von Natur und Kultur

Seit Anbeginn vollzieht sich die menschliche Entwicklung als ein Dialog zwischen Natur und Kultur. Elemente aus beiden Bereichen haben gleichermaßen das Menschwerden und -sein geprägt. Mit dem Entstehen der westlichen Zivilisation gewannen die kulturellen Einflüsse zunehmend an Gewicht und das Verständnis, als Mensch Teil der Natur zu sein, ist nahezu abhandengekommen. In den modernen Kulturen leben wir von der natürlichen Welt entfremdet.

Mit der wachsenden Entfremdung ist uns der Zugang zu den Bildern der Natur fast verloren gegangen. Wir verstehen Entwicklung heute eher als ein lineares Geschehen und vergessen unser Eingebundensein ins zirkuläre Geschehen der natürlichen Welt. Und genau aus dieser Quelle erhält mensch die Vorbilder für die eigene wie kollektive Entwicklung.

Leben, Reifen, Vergehen, Erneuern

Zum menschlichen Leben gehören Lebensübergänge – nicht nur die biologischen wie Geborenwerden, Fortpflanzen und Sterben. Interessanter sind die initiatischen Übergänge: Lebensphasen, in denen sich der psycho-spirituelle Schwerpunkt verschiebt. Am deutlichsten spüren wir das in der Jugendzeit und in der Lebensmitte.

Weil wir Menschen natürliche und soziale Wesen sind, begegnen uns in jeder Lebensphase zwei Arten von Entwicklungsaufgaben: Eine Natur- und eine Kulturaufgabe. Die Naturaufgabe führt uns nach innen in die Tiefe der eigenen Persönlichkeit und hin zu einer eigenen Form von Spiritualität. Die Kulturaufgabe fordert uns auf, diese Erfahrungen und Einsichten nach außen zu transferieren, also so umzusetzen, dass sie auch in unserem Umfeld Wirkung entfalten.

Das heißt einerseits, dass diese Entwicklungsaufgaben für jede/n von uns gedacht sind und eine Grundbedingung für gesunden Selbstausdruck bilden. Und andererseits brauchen wir gesunde Formen von Persönlichkeitswachstum, die in das soziale Feld der konkreten Person fließen und dort für Erneuerung und Belebung sorgen. Auch das ist günstigenfalls ein zirkulärer Prozess. Denn durch die Epigenetik wissen wir: Wir sind mehr als unsere Gene. Leben ist wie ein anhaltendes Gespräch zwischen dem vitalen Kern eines Wesens und seinem dynamischen Umfeld.

Entwicklungsaufgaben der Pubertät

Die innere Entwicklungsaufgabe, die zu einer funktionalen (gesunden) jugendlichen Identität führen soll, beinhaltet verschiedene Unteraufgaben wie

Für junge Menschen bildet die Gruppe der Peers den wichtigsten Erfahrungsraum. Hier formt sich das soziale Selbst. Es geht um das Erlernen sozialer Akzeptanz und Selbstannahme.

Die Phase der Pubertät gilt als erste existenzielle Krise im Laufe der persönlichen Entwicklung. Es ist von fundamentaler Bedeutung, wie wir diese Phase erleben, welche Vorbilder uns leiten, welche unterstützenden Personen und Infrastrukturen zugänglich sind und welche inneren Beschlüsse wir über uns selbst in dieser Phase (bewusst oder unbewusst) fassen. Was wir erleben und nicht verarbeiten können, wirkt in die nächste Lebensphase hinein und färbt unser Handeln.

OK, was hat das mit Reife und Mut zu tun?

Ich denke: Jede Menge!

Die globale Krise ist eine Reifekrise.

Inwieweit können wir aufrichtig sagen, dass wir persönlich wie kollektiv unsere jugendlichen Entwicklungsaufgaben hinreichend bewältigt haben?

Was genau beobachten wir?

Aktuell beobachte ich viele Dysfunktionalitäten in unserer Kultur, also Denk- und Verhaltensweisen, die eine ungesunde Wirkung entfalten. Ich beobachte zuweilen Menschen in nicht mehr jugendlichem Alter, die noch mitten in den Entwicklungsaufgaben der Pubertät stecken. Und diese Menschen sind weithin sichtbar, weil sie Führungsaufgaben in allen möglichen Bereichen des Lebens innehaben. Ihr Handeln gleicht psychologisch betrachtet dem von Heranwachsenden, die noch kein umfassenderes Verständnis ihrer Selbst und der natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Lebens entwickelt haben.

Wenn ich unsere Lebensweise betrachte, stelle ich fest: Mit unserer Kultur und ihren Grundannahmen von industriellem Wachstum, Leistung, Profitmaximierung haben wir eine Gesellschaft geschaffen, die einen Nährboden für Identitätsverwirrung, Narzissmus, physische und psychische Gewalt, Süchte und materielle Obsessionen bildet.

Wenn ich den Zustand der Welt betrachte, komme ich zu dem Fazit, dass die globale Krise im Wesentlichen eine Reifekrise ist.

Krise bezeichnet ein Geschehen mit offenem Ausgang. Denn psychologisch betrachtet kann Reifen verweigert werden. Der Mensch kann das. Menschen können den Zustand der Welt und ihren eigenen Zustand verleugnen, sich entfühlen, betäuben, abwesend sein, manipulieren, zerstören.

Reife und Mut für uns selbst und nachfolgende Generationen

Wenn wir als Erwachsene mehr Erfahrungswissen und Autorität für uns beanspruchen, sind wir auch gerufen, mehr Übersicht und Mitverantwortung walten zu lassen. Das heißt, wir müssen uns auch erwachsen verhalten. Ansonsten diskreditieren wir uns selbst.

Um einen wirklichen Wandel zu ermöglichen, sind wir gerufen, unsere Rolle als Menschen auf diesem Planeten neu zu definieren: Wer wollen wir sein? Zerstörer? Mitschöpfer? Aus meiner Sicht ist das der notwendige organisierende Dialog, der initiiert werden will.

Und weil fundamentale Veränderungen Widerstand hervorrufen, brauchen wir auch ein tieferes Verständnis für und einen reiferen Umgang mit diesen Dynamiken.

Und für all das brauchen wir mehr Reife und Mut.

Als echte Erwachsene sind wir gerufen, die eigenen Entwicklungsprozesse in Gang zu bringen und lebendig zu halten. Besonders in der LEBENSMITTE erhalten wir die Chance, sich persönlichem Reifen zu öffnen. Das ist auch ein Akt der Selbstliebe.

Wenn wir unseren Kindern etwas wirklich Wertvolles mitgeben wollen, sollten wir uns unseren eigenen Reifeprozessen stellen. Es erfordert Mut, und es schenkt mehr Mut, Selbstverständnis, Authentizität und Kreativität.

Reife Erwachsene erkennen wir daran, dass sie sich diesen Entwicklungsaufgaben gestellt haben:

Insofern können wir Reife und Mut messen.

In Gesprächen beobachte ich zuweilen, dass das Wort „Initiation“ Irritation auslöst: Vorstellungen von etwas Geheimnisvollen, vielleicht sogar Okkultem, tauchen auf. Oder Gedanken an alte Riten, die bestenfalls noch von „Naturvölkern“ praktiziert  werden. Und schon kommen jede Menge Emotionen ins Spiel … Nein, echt jetzt – brauchen wir das wirklich?

Beginnen wir mit der Wurzel: Initiation leitet sich vom Lateinischen „initium“ ab und bedeutet Anfang, Eingang, Ursprung. Das Verb „initiare“ (beginnen) lässt sich zurückführen auf „īre“: gehen. Das Wort „in-īre“ steht für hineingehen, anfangen, beginnen.

Bei Wikipedia erfahren wir u.a., dass Initiation „die Einführung eines Außenstehenden in eine Gemeinschaft oder den Übergang in einen anderen persönlichen Seinszustand (Status)“ meint.

Für mich bedeutet Initiation das Hineinwachsen in eine neue Kondition des Seins.

Damit setze ich Initiationsgeschehen in den Kontext von Veränderung. Zu den persönlichsten Veränderungen im Leben gehören die Lebensübergänge. Und die haben wir am laufenden Band:

Geborenwerden, Schuleintritt, Verlassen der Kindheit und Eintreten in die Phase der Adoleszenz, Schule verlassen, Berufswahl, Übergänge in verschiedene Ausbildungskontexte, Berufseinstieg, Wahl des Lebensortes, Partnerschaften beginnen bzw. beenden, sich fester binden, Eltern werden, Berufswechsel mit oder ohne Wohnortwechsel, sich trennen, Lebensmitte, Verluste erleiden und akzeptieren lernen, sich nach Krisen ganz neu orientieren … vom Ausscheiden aus dem Berufsleben, vom Altern und Sterben ganz zu schweigen.

Sich selbst aktualisieren

All das ist verbunden mit jeweils neuen Konditionen des Seins, in die wir hineinzuwachsen haben – zuerst von innen her. Das heißt, wie sind gerufen, das Bild von uns selbst zu aktualisieren.

Bei jedem Eintreten in eine neue Kondition des Seins schwingt die Frage mit: Wer bin ich jetzt, wenn ich das Bisherige so nicht mehr bin?

Erst durch den Prozess des „Hineingehens“ in einen neuen persönlichen Seinszustand bekommen die noch ungeklärten Fragen für das Bild von sich selbst Bedeutung: Wer bin ich, wenn ich kein Kind mehr bin? Wer bin ich, wenn ich neu in die Arbeitswelt eintrete? Wer bin ich, wenn ich eine Führungsaufgabe übernehme? Wer bin ich, wenn ich den Verlust eines geliebten Menschen verkraften lernen muss? Wer bin ich als Mutter, als Vater? Wer bin ich, wenn ich meine Kräfte erschöpft habe und mich ausgebrannt fühle? Wer bin ich, wenn ich entdecke, dass ich für ganz fremde Ziele gearbeitet habe? …

Es ist von Bedeutung, inwieweit sich eine Person dieser Fragen bewusst ist, und dann ist es relevant, wie sich jemand den eigenen Antworten nähert.

Menschen, die sich bewusst in einen neuen Seinszustand hineinbewegen, setzen sich mit ihrer Persönlichkeit und ihrer Entwicklung auseinander. Im Prozess des Übergangs lösen sie sich von alten Geschichten von sich selbst und wachsen absichtsvoll in neue, passendere Versionen hinein.

Das ist weniger ein kurzzeitiger linearer als vielmehr ein über Jahre anhaltender zirkulärer Prozess, in dessen Verlauf die neue Geschichte verkörpert wird. Wer es also „eilig“ hat, sollte sich einer wirksamen Prozessbegleitung versichern.

So betrachtet scheint es, als brauchen wir Initiationsprozesse heute dringender als je. Doch wie macht mensch das mit der Initiation? Wo gibt’s das und wie geht das?

Es gibt kein Neubeginnen ohne Übergang.

Aus gutem Grund gelten Übergangs- oder Initiationsriten als wichtigste kulturelle und soziale Leistung einer Gesellschaft.

Ihr Sinn und Zweck ist es, die Phasen des Dazwischenseins durch einen begleiteten Prozess zu strukturieren und Reflexions- und Selbsterfahrungsräume zu öffnen. Damit helfen Passageriten in kritischen Zeiten auf eine stärkende Weise die Verbindung zum eigenen Selbst zu erneuern. So innerlich geklärte Menschen haben mehr psychische Energie für das Neue zur Verfügung. Daher bewegen sie sich orientierter und kraftvoller in ihren jeweiligen sozialen Feldern (Familie, Arbeitsumfeld, Freundeskreis …).

Übergangsriten und Initiation

Das Wissen über die Übergangs- oder Passageriten verdanken wir dem Ethnologen Arnold van Gennep. In seiner Forschung stellt er u.a. fest, dass es in allen Kulturen dieser Erde ein ähnliches Erfahrungswissen gibt: Weil diese Übergänge als potenziell gefährlich gelten, ist es für jede Gesellschaft notwendig rituelle Bewältigungsszenarien zu entwickeln.

Damit sichern Passageriten den ungeschützten, undefinierten Zustand zwischen dem Alten, das nicht mehr trägt, und dem Neuen, das noch nicht trägt, ab.

Van Gennep analysierte die Strukturen von Übergangsriten weltweit vor allem anhand der Untergruppe der Initiationsriten nicht-industrialisierter, segmentärer, indigener Gesellschaften.

Daraus erarbeitete er ein Drei-Phasen-Modell, dem alle Übergangsriten prinzipiell folgen:

Moderne Initiationsriten wie die Visionssuche zeichnen diese Grundstruktur nach. Sie ermöglichen das Herauslösen aus dem Alltag, Reflexion und Feedback, sie fordern zum Einsatz der eigenen Kräfte und Fähigkeiten heraus und unterstützen beim Erproben der neuen, reiferen Version von sich selbst.

Gleichzeitig erfüllen sie ein zutiefst menschliches Bedürfnis: Unsere Psyche sehnt sich nach Vollendung i.S.v. etwas beenden, abschließen, vervollständigen zu können. Unsere Psyche will, dass wir einen „Punkt setzen“, eine „neue Seite aufschlagen“, ein „neues Kapitel beginnen“. Und dafür braucht die Psyche uns ganz körperlich. Es ist wichtig, dass es getan i.S.v. erfahren wird.

Gedanken sind flüchtig, doch eine Erfahrung ankert neuronal, emotional UND körperlich.

„Gehe in die Wildnis, segne dich selbst und erfahre, was getan werden muss.“*

In zwei Aspekten unterscheiden sich die modernen Varianten von den ursprünglichen Riten: in der Rolle der Mentoren und in der Antwort auf die Frage, wer wen wohinein initiiert.

Wenn ich Menschen durch Übergänge begleite, verstehe ich mich als die Person, die den Rahmen für innere Arbeit schafft und hält, und ich verstehe mich als eine Spiegelnde – diejenige, die Rückmeldungen über Wahrgenommenes, Gehörtes, Erlebtes anbietet mit dem zuvor geschaffenen Verständnis: Das, was an Rückmeldung taugt, kann genommen werden; das andere bleibt einfach liegen, bis der Wind es verweht.

Während früher Menschen in eine soziale Rolle initiiert wurden, initiiert sich heute jede/r selbst in einen neuen angestrebten Seinszustand. Niemand kann das für andere tun. Es ist ein Prozess der Selbststärkung und Selbstermächtigung.

Als Guide oder Mentorin kann ich bestenfalls einen wirksamen Rahmen dafür anbieten. Und der wichtigste Schauplatz für diesen Prozess ist die freie Natur.

Einen Überblick über moderne, erprobte Seminare für Initiationsprozesse bietet das deutschsprachige Netzwerk: Visionssuche.net

Was passiert, wenn wir uns anders entscheiden?

Auch wenn Initiationsriten in der Wildnis für jede/n von uns gedacht sind, weil sie uns zu mehr Unabhängigkeit und psychosozialer Reife führen und unsere Veränderungsfähigkeiten stärken, ist ein Leben ohne begleitete Initiation möglich. Ich kann es nicht besser beschreiben als Adrienne Rich:

„Entweder du wirst

durch dieses Tor gehen

Oder du wirst nicht durchgehen.

 

Wenn du durchgehst,

dann ist da jedes Mal das Risiko,

dass du Deinen Namen erinnerst.

 

Dinge werden dir doppelt erscheinen

und du musst zurückschauen

und sie geschehen lassen.

 

Wenn du nicht durchgehst,

dann ist es möglich

würdig zu leben,

deine Haltung aufrecht zu erhalten

deine Stellung zu halten

und tapfer zu sterben.

 

Aber vieles wird dich blenden,

vieles wird dir entgehen

wer weiß zu welchen Kosten?

 

Das Tor selber macht keine Versprechungen.

Es ist nur ein Tor.“

Adrienne Rich

 

*Steven Foster/Meredith Little: Visionssuche, 52012