Am Anfang unserer Lebensreise sind wir gerufen, unsere Ich-Kräfte zu entwickeln. Irgendwann spüren wir eine Sehnsucht, wobei wir anfangs kaum beschreiben können, wonach wir uns sehnen. Wenn wir der Sehnsucht folgen, öffnen wir uns für einen Prozess („die Reise“), der uns mehr zu uns selbst führen kann, zu dem, was in uns selbst lebt.

Wenn wir der Sehnsucht nicht folgen (können), interveniert das Leben durch eine handfeste Krise. Erst, wenn auf diese Weise deutlich wird, dass keine bekannte Herangehensweise aktuelle Probleme zu lösen vermag, sind wir bereit uns zu bewegen.

Hier deutet sich schon an, welche Archetypen uns begleiten: die Suchende, der Zerstörer, die Liebende, der Schöpfer.*

Die Archetypen der Reise

Die Suchende

Die Suchende küsst uns mit der Sehnsucht wach. Sie sucht nach Möglichkeiten der Verwandlung und öffnet den Weg in die Tiefe, denn es ist wichtig, seine innere Realität zu kennen, um Alleinsein und Auseinandersetzungen zu bestehen.

Die Energie der Suchenden gibt uns den Mut ins Unbekannte aufzubrechen und sich aus Abhängigkeiten zu lösen. Sie fordert uns auf, das zu erforschen, was wir am meisten fürchten.

Ihr Ziel ist ein besseres Leben, ihre Angst ist es, in der Falle zu sitzen. Also geht sie weg oder entflieht begrenzenden Umständen. Sie lernt, einer höheren Wahrheit zu folgen.

Die Geschenke der Suchenden sind Selbstständigkeit und Ehrgeiz. Der Schatten liegt in Perfektionismus, Bindungsunfähigkeit, Süchten.

Am Anfang stehen Unzufriedenheit und Leere quasi als Aufruf zum Erkunden, Experimentieren, Studieren, Ausprobieren; später geht es um eine vollständigere Version seiner selbst. In der Reife ist es die spirituelle Suche nach Verwandlung.

Der Zerstörer

Der Zerstörer bereitet uns auf den Abstieg in die Unterwelt vor und konfrontiert uns mit dem Tod. Anderenfalls halten wir am Zustand der Unschuld fest und leugnen die Seele. Meist erleben wir den Zerstörer zunächst in seiner Schattenform: als das potenzielle Selbst, das wir verdrängt haben. Der Schatten ist eigentlich eine gutartige Form des Zerstörers; wenn er integriert wird, enthält er ein Geschenk: Verwandlung wird möglich.

Der Zerstörer findet Ausdruck in selbstzerstörerischen Lebensweisen, in Unordnung und Chaos oder als Todeswunsch. Er zerstört unser Selbstbild oder unsere alte Geschichte. Er ist aber auch der Teil der Psyche, der Alter, Krankheit und Tod bewirkt. Somit steht er mit der positiven wie negativen Seite des Todes in Verbindung.

Wenn wir Einweihung durch den Zerstörer erfahren, erleben wir Verlust, Ohnmacht, Leid, Ungerechtigkeit, tiefes Sinnlosigkeitsgefühl oder das plötzliche Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit.

Das Ziel des Zerstörers ist Wachstum und Verwandlung. Seine Angst ist es festzustecken, vernichtet zu werden. Daher antwortet er selbst mit Zerstörung.

Die Entwicklungsaufgabe heißt Loslassen zu lernen und die Sterblichkeit zu akzeptieren. Das Geschenk ist Demut und Akzeptanz. Der Schatten liegt in Selbstzerstörung, Zerstörung anderer, Gewaltanwendung.

Zuerst erfahren wir Schmerz, Leid, Tragödie, Verlust und antworten mit Verwirrung. Dann beschäftigen wir uns mit der Bedeutung von Tod, Verlust oder Schmerz und lernen unsere relative Ohnmacht zu akzeptieren. In der reifen Form entwickeln wir die Fähigkeit, bewusst alles loszulassen, was die Werte, das Leben und das Wachstum nicht mehr fördert.

Die Liebende

Die Liebende steht für die erotische Energie der Lebenskraft und wird durch die heilige Hochzeit symbolisiert, die uns über die Dualität hinausführt.

Sie öffnet uns die Welt der Seele durch das gegengeschlechtliche Element von Anima und Animus. Sie hilft uns, durch erlösende, mitfühlende Liebe die Polaritäten zu vereinigen und führt uns so zu mehr Ganzheit. Ohne Liebe lässt sich die Seele nicht auf das Leben ein.

Eros steht für eine leidenschaftliche Verbindung (zu einer Landschaft, einer Arbeit, einer Aktivität, einem sozialen Anliegen, einer Lebensweise) und für Lebendigkeit.

Das Ziel der Liebenden ist Verbundenheit; sie fürchtet Beziehungslosigkeit. Durch die Liebende lernen wir uns dem zu verpflichten, was wir lieben.

Das Geschenk des Archetyps besteht in Bindungsfähigkeit, Leidenschaft, Ekstase. Der Schatten liegt in Eifersucht, Neid, sexueller Sucht, Puritanismus.

Verliebtheit ruft uns auf, dann folgen wir unserer Seligkeit. Später lernen wir uns zu binden. In der reifen Form akzeptieren wir uns selbst völlig und bringen so ein Selbst hervor. Wir verbinden das Persönliche mit dem Überpersönlichen, das Individuelle mit dem Kollektiven.

Der Schöpfer

Der Schöpfer weckt den tief in uns vorhandenen Samen unserer wahren Identität und hilft uns, unser echtes Selbst zu entdecken. Der Same ist ein symbolisches Bild für den Lebensauftrag jedes Menschen.

Der Schöpfer wird aktiv durch unsere Vorstellungskraft, die uns hilft neues Leben hervorzubringen. Er stärkt das Gefühl für unseren Beitrag und Platz in der Welt. Weil die Seele – nicht das Ich – unser Leben erschafft, hilft uns die Kraft des Schöpfers eine Partnerschaft zwischen Ich und Seele zu bilden, damit beide miteinander arbeiten.

Der Schöpfer vertreibt uns aus unechten Lebensrollen und drängt uns, unsere Identität geltend zu machen. Dadurch lernen wir, uns als Teil des Lebens und des selbst Geschaffenen zu akzeptieren.

Seine Geschenke heißen Kreativität, Identität, Berufung. Der Schattenschöpfer erschafft negative Umstände oder begrenzende Gelegenheiten oder zeigt sich in zwanghaftem Schaffen, in Arbeitssucht.

Tagträume, Fantasien, Bilder rufen den Schöpfer in uns wach. Wir öffnen uns für Visionen, Bilder, Ahnungen, Inspiration. Später erkennen wir, was wir wirklich haben, tun, erschaffen wollen. Die reife Version des Schöpfers zeigt sich im bewussten, experimentellen Herangehen, um das Imaginierte zu realisieren.

Archetypen der Übergänge

Die Suchende, der Zerstörer, die Liebende und der Schöpfer helfen uns, unsere innere Welt zu erkunden, unsere Sehnsüchte zu klären, Schattenelemente der Psyche zu integrieren, männliche und weibliche Aspekte auszugleichen und mehr und mehr zu erfahren, wer wir sind.

Die Archetypen der Reise besuchen uns um die Lebensmitte. Ein Zufall? Oder ein Einfall des Lebens?

Mit Hilfe der Suchenden brechen wir auf. Der Zerstörer lässt unsere alte Geschichte sterben. Die Liebende schenkt uns Energie und Leidenschaftlichkeit sowie die Fähigkeit sich zu binden. Der Schöpfer hilft uns den Samen unserer wahren Identität zu entdecken und eine Vision für unser Leben zu entwickeln.

Ich möchte betonen: Die archetypischen Bilder helfen uns, Qualitäten in uns zu entdecken und zu benennen. Sie helfen uns zu erfassen, welche Handlungsmuster wir bevorzugt aktivieren und welche weniger. Sie helfen uns auch zu entscheiden, wovon wir in Zukunft mehr in unserem Leben wollen und wovon weniger. Dann wird es möglich, starke Archetypen anzuerkennen und andere mehr zu aktivieren. Der Schlüssel zu mehr Ganzheit liegt im Bewusstwerden.

 

*Angeleht an C.S. Pearson: Die 12 seelischen Archetypen, München 2019

„Jeder von uns hat in sich einen Helden, aber wir sind uns dessen nicht immer bewusst. Der Held im Inneren ist meist am Schlafen. Wir haben die Aufgabe, ihn zu wecken.“

Carol S. Pearson

 

Wie kommt es, dass wir heute auf nie gekannte Weise leben und doch fühlt sich das Leben für viele Menschen leer oder sinnlos an? Was wäre, wenn wir diesen Zustand überwinden können, indem wir die Helden in uns zu wecken?

Helden wecken

Im Laufe des Lebens bewegen wir uns durch Wachstums- oder Reifungsphasen. Wir nennen wir diesen Prozess Individuation: Uns enthüllen sich die eigenen Qualitäten, Werte, Haltungen, innigsten Absichten; im besten Fall werden wir uns dessen bewusst. Das heißt, wir erkennen, wer wir sind und was uns ausmacht. Daraus leiten wir Schlüsse über unseren Platz in der Welt und unseren Lebenssinn ab.

Dieser Prozess verläuft weder gleichmäßig noch anfänglich bewusst. Es gibt Phasen von Zufriedenheit und Erfülltsein, und es gibt andere Phasen von Ödnis, Zweifel, Sinnlosigkeitsempfinden. Und hier wird es interessant.

Die Zeiten der großen Fragen an sich selbst und das Leben sind die Einladungen des Lebens zu wachsen – den Prozess der Selbstwerdung zu nähren.

Leider lernen wir davon nichts in der Schule und es gibt nur wenige Mentorinnen und Mentoren für diese Passagen der Lebensreise. Wir bleiben womöglich auf unseren Fragen hocken, in einem viel zu engem Leben stecken und verfallen in eine Geschichte, die von unserer Ausweglosigkeit und Frustration erzählt. Oder wir wecken die Heldinnen und Helden in uns, brechen auf und suchen.

Die Suche fordert uns heraus. Sie ist beschwerlich, voller Irrungen und Wirrungen, Hindernisse und Gefahren. Und gleichzeitig wird sie uns beleben, beglücken, befreien.

Helden – Archetypen – Mythos

Im Laufe der Jahre, in denen ich Menschen in Entwicklungsphasen begleite, ist mir deutlich geworden, wie weit sich unsere Kultur von Wegen und Praktiken entfernt hat, die diese Suche begrüßen, wertschätzen und unterstützen. Deshalb ist es mir ein Anliegen Bilder zu aktivieren und zu teilen, die in unserem kollektiven Unbewussten zu Hause sind: Archetypische Bilder.

Sie sind da, ob wir sie aktivieren oder nicht. Wir erzählen davon in Geschichten, Büchern, Filmen, Kunstwerken, Legenden, Mythen, ob wir sie begreifen oder nicht. Archetypen gehören zum Menschsein, weil sie unsere Psyche formen und in Balance halten. Sie helfen, unser Ich zu bilden, uns mit der Seele zu verbinden, ein Gefühl für unser Selbst zu entwickeln. Sie nähren uns in den kritischen Phasen unserer Lebensreise, wenn sich Sinn und Bedeutung (der psycho-spirituelle Schwerpunkt) unseres Lebens verschieben.

Helden sind Menschen wie du und ich mitten im täglichen Leben mit Höhe- und Tiefpunkten und mit Hoffnungen, Absichten, Sehnsüchten.

Die Heldenreise ist ein archetypisches Bild für den Weg der Selbsterkundung und Bewusstwerdung. Erzählungen davon liefern uns die Mythen aus allen Ecken der Welt und allen Zeiten. Joseph Campbell, ein Mythenforscher (Der Heros in tausend Gestalten), hat sie ergründet, eine Grundstruktur gefunden und zu einem Monomythos verdichtet: Eine Erzählung über das Abenteuer von Entwicklung und Bewusstwerdung.

Phasen der Reise

Die Reisen von Heldinnen und Helden verlaufen entlang dieser Grundstruktur: Vorbereitung – Reise – Rückkehr.

Wir kennen das aus den Märchen, die ja nichts Geringeres als Initiationserzählungen sind: Die Heldin lebt an einem Ort in einem Königreich und verrichtet alltägliche Dinge (Vorbereitung). Das Königreich ist in Gefahr, manchmal sind schon andere Helden ausgezogen, um das Reich zu retten – und gescheitert. Jetzt ist die Heldin dran (Aufruf). Sie muss aufbrechen, in die Ferne reisen, um eine rettende Mission auszuführen (Reise). Nach ihrer Rückkehr verwandelt sie das Königreich in der einen oder anderen Weise.

Unter den verschiedenen Ausschmückungen verbirgt sich der Individuationsprozess: Die Vorbereitung beschreibt den Prozess der Ich-Werdung. Wir brauchen ein stabiles Ich für das Abenteuer der Reise. Die Sehnsucht, die uns phasenweise umtreibt, ist der Aufruf dazu. Die Reise beschreibt die Annährung an und zuweilen Begegnung mit der Seele – das Erfassen der eigenen Kernqualitäten, Werte und innigsten Absichten. Mit dieser Essenz geht es nach der Rückkehr ans Erneuern des eigenen Lebens.

Archetypen als Begleiter

Archetypische Bilder können die Reisenden begleiten und nähren.

Im Laufe der nächsten Blogbeiträge stelle ich zwölf seelische Archetypen vor, die uns bildhaft unsere Lebensthemen und -aufgaben spiegeln und Hinweise geben, wie seelenorientiertes Leben gelingen kann. Diese Archetypen begleiten uns auf dem Weg zu uns selbst.

Ich stütze mich dabei auf die Arbeit von Carol S. Pearson: Die 12 seelischen Archetypen. Nach und nach lernst du die Unschuldige, den Verwaisten, die Kriegerin, den Geber, die Suchende, den Zerstörer, die Liebende, den Schöpfer, die Herrscherin, den Magier, die Weise und den Narr kennen. Jeder Archetyp überbringt eine Botschaft und ein Geschenk.

Es gibt noch mehr Archetypen und es gibt Ausdifferenzierungen der oben genannten. Diese zwölf Begleiter sind zentral für unser Werden, unseren Selbstausdruck. Die Heldin und die Reise sind ebenfalls archetypische Bilder.