Wenn ich den Zustand der Welt betrachte und auf mich wirken lasse, komme ich immer öfter zu dem Schluss: Wir brauchen mehr Seele.

Ist nicht genau dieser Zustand ein Resultat entseelten Handelns?

Ist nicht die psychosoziale Lage in unserem Land ein Ausdruck von blockierten Zugängen zur Seele?

Ist nicht die Klimakrise ein Ausdruck unserer Entfremdung vom Urgrund des Lebens, von Natur und damit von der eigenen Menschenseele?

Wie ich Seele verstehe

Ich verstehe Seele als unsere wahre Natur, die tiefere Essenz dessen, wer wir sind mit unseren Kernfähigkeiten, tieferen Werten, innigsten Absichten – der natürlichste und lebendigste Teil in uns.

Damit beschreibt Seele einen individuellen Wesenskern, der von schützenden Schichten umhüllt ist, die letztlich unsere Persönlichkeit formen. Doch unsere Persönlichkeit ist nicht unsere Seele. Bestenfalls fungiert eine authentische, gereifte Persönlichkeit als eine Art Umsetzungssystem für Seelenausdruck.

Wenn wir die Seele als unser wahres inneres Wesen begreifen – die Idee dessen, wofür wir gemeint sind – wird deutlich, dass wir tiefer schürfen müssen, weil wir es nicht mit etwas Offensichtlichem zu tun haben.

Da die Beziehung unserer Kultur zur Seele widersprüchlich ist, erhalten wir widersprüchliche Botschaften darüber, wie wir Seele auffassen können.

Deshalb scheint mir eine weitere Begriffsklärung angemessen. Weil der wissenschaftliche Diskurs anhält, habe ich mir für mein Arbeiten an die Tiefenpsychologie angelehnte alltagspraktische Definitionen geschaffen.

Das Ego, die Seele, das Selbst

Das Ego oder das Ich verstehe ich wie ein „Gefäß“ für das eigene Leben. Es ist unsere Wirklichkeitsfunktion (S.Freud), die uns hilft unseren Alltag zu meistern. Das Ego schafft eine Grenze zwischen uns und allem anderen und lässt uns gleichzeitig mit der Welt in Verbindung bleiben. Das Ego ermöglicht es, dass wir uns in die Welt einfügen und sie verändern können.

Soziale und politische Theorien (z.B. in der Literatur zu Management, Arbeitswelten, Erziehung, sozialen Systemen) konzentrieren sich auf ein gesundes Ego und klammern Seele und Selbst aus. Auch viele Bereiche der Psychologie behandeln nur Ich-Belange und Ego-Entwicklung. Das ist weder gut noch schlecht, es beschreibt nur, was betrachtet wird und was nicht.

Die Seele ist (nach C.G. Jung) unsere wahre Natur, die tiefe Essenz dessen, wer wir sind. Die Seele fordert uns auf zu wachsen, unsere Einzigartigkeit zu entwickeln, das Tiefe und Unbewusste in uns zu akzeptieren und mit Vertrauen in die Welt zu blicken.

A.Maslow beschreibt in der Ego-Seelen-Dynamik den in die menschliche Natur eingebetteten existenziellen Konflikt zwischen den Kräften, die unser Ego verteidigen, und den Kräften, die uns wachsen sehen wollen.

Aus der Verbindung von Ego und Seele geht das Selbst hervor. Es wirkt als Vermittler der Seele: Wir wissen, wer wir sind und haben ein Gefühl und einen Ausdruck echter Identität erreicht (Selbstausdruck). Wir integrieren nach und nach die disparaten Anteile unserer Psyche und erleben Integrität und Ganzheit. Wir haben unsere Gabe/unsere Aufgabe erkannt und finden angemessene Möglichkeiten (Umsetzungssysteme) uns in die Welt hinein auszudrücken und einen Beitrag zum Leben zu leisten, den NUR wir leisten können.

Wofür wir mehr Seele brauchen

Komprimiert ausgedrückt: Wir brauchen Seele und Wege zur Seelenbegegnung, um unser evolutionäres Potenzial zu entfalten.

Gehe hinaus und frage Menschen nach ihrer tiefsten Sehnsucht … und höre wach und mit offenem Herzen zu. Es gibt ein Muster in diesen Geschichten.

Wir sehnen uns danach, das eigene Wesen zu entdecken, unsere eigene Art der Zugehörigkeit zu dieser Welt zu finden und die Gabe, mit der wir geboren wurden, einzubringen.

Ebenso stark wie dieses Sehnen ist unsere Angst zu finden, wonach wir suchen. Wir ahnen, dass dies unseren Wunsch nach Sicherheit und Bequemlichkeit erschüttern und unser Leben gründlich verändern würde.

Tief im Inneren spüren wir, dass wir uns selbst verleugnen, wenn wir dieses Sehnen ignorieren, und wir in einem fremdbestimmten, viel zu engem Leben hocken bleiben. Wir spüren diesen ungelösten Konflikt und wir hoffen, dass ihn jemand von höherer Macht auf elegante und schonende Weise für uns lösen möge.

Doch so läuft das leider nicht.

Suchen

Also suchen wir nach einer Art Ausweg frei nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Wir suchen Ärzte auf, wenn die Psyche somatisiert. Wir erhoffen von Psychotherapeuten, dass sie unsere emotionalen Wunden versorgen. Wir suchen in Religionen nach Seelenheil. Wir erreichen einige Fortschritte, doch das große Sehnen bleibt. Auch wenn wir uns noch so anstrengen, hart arbeiten, aufsteigen, Familien gründen, Häuser bauen, uns erschöpfen, uns durch Konsumieren trösten, uns betäuben – auf diese Art erfüllt sich unser tiefstes Sehnen nicht.

In den Mythologien der Welt finden wir zahllose Geschichten über die Reise zur Seele. Sie beschreiben das Hinabsteigen der Held*innen in die Tiefen der Unterwelt (siehe Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, Frankfurt am Main 1999).

Diese Geschichten zeigen, dass Seelenbegegnung für jede/n von uns gedacht ist, denn Heilung geschieht nur auf tiefster Ebene und in einer Weise, die uns befähigt unsere erwachsene Authentizität und Einzigartigkeit auszudrücken und unseren besonderen Platz in der Welt einzunehmen.

Der Archetyp der Heldenreise

Die Heldenreise (auch Monomythos oder Quest genannt) beschreibt einen Weg der Seelenbegegnung. Die mythischen Held*innen stehen gleichsam für dich und für mich, für Menschen mitten im alltäglichen Leben.

Die Reise beginnt mit dem Entschluss und der Vorbereitung. Wir brauchen unsere ganze Kompetenz, unseren Mut, unsere Menschlichkeit, um gegen die Zweifel und Hindernisse zu bestehen.

Dann brechen wir auf und verlassen das Bekannte und Alltägliche: das Zuhause, die sozialen Rollen, das bisherige Selbstverständnis. Wir betreten unbekanntes Terrain.

Wir erreichen eine Schwelle, die unsere Alltagswelt von der tieferen numinosen Seelenwelt trennt. Oft wird diese Schwelle, dieser Übergang, von einem Schwellenwächter bewacht, der die Ernsthaftigkeit unserer Absicht prüft. Das ist ein wichtiger Moment der Reise und soll den Wechsel der Bewusstseinsebenen unterstützen.

Wir reisen, so Campbell, durch „eine Welt unbekannter und doch seltsam vertrauter Kräfte“. Sie stehen für unsere bislang abgewehrten Anteile und Aspekte.

Im tiefsten Moment der Reise erwartet uns eine außergewöhnliche Erfahrung: der „Tod“ des Egos oder das „Sterben“ eines alten Mythos (einer alten Geschichte über uns selbst), also etwas, was dem alten Selbstbild ein Ende bereitet und uns, wie zur Belohnung, für die Begegnung mit der Seele öffnet.

Seelenkräfte entdecken

Das Entdecken von Seelenkräften wird auf verschiedene Weise erfahren. Im Mythos wird dieses verwandelnde Moment durch das Erhalten eines Schatzes, Elixiers oder heiligen Gegenstands symbolisiert. In jedem Fall führt es dazu, dass wir in weitaus bewussterer Übereinstimmung mit der Seele als zuvor in die Alltagswelt zurückkehren.

Indem wir lernen unsere Seelenkräfte zu verkörpern, wird die Welt innerlich wie äußerlich erneuert: Unser Weltbild erweitert sich, unser Platz darin verändert sich und wir wissen um unsere heilige Aufgabe, mit der wir unsere Gemeinschaft bereichern.

Darüber hinaus haben wir erfahren, was es bedeutet, dem Ruf der Seele zu folgen und werden ihre Stimme fortan freier hören können … und erneut aufbrechen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Die drei Phasen der Reise entsprechen den Phasen der psychologischen Entwicklung des Menschen: Wir entwickeln das Ego, dann begegnen wir der Seele und schließlich bringen wir unser einzigartiges Selbst hervor – immer vorausgesetzt, wir treten diese Reise an.

 

 

Wie wir uns der Seele öffnen

Die wirksamsten Wege zur Seele öffnen sich im Zwiegespräch mit der Natur. Dabei ist die äußere Wildnis Schauplatz und gleichzeitig Spiegel unserer inneren Wildnis – jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen. Der Spiegel der Natur lässt uns erfassen, was sich dem Bewussten noch entzieht. Wenn wir bereit sind, uns diesen Kräften zu öffnen, antwortet die Seele in der ihr eigenen Weise.

Natur und Seele bedingen einander und sprechen auf sehr ähnliche Art vom Wesen einer Sache – sei es ein Baum, ein Tier oder eine Person. Die Natur braucht uns in unserer Seelenverkörperung, damit die Welt ganz – vollständig – zum Ausdruck kommt. Und unsere Seele verlangt nach einer Welt, in der sich Natur vollständig und verschiedenartig verkörpern kann.

Was kostet es uns die Seele zu ignorieren?

Ich denke, ein wesentlicher Teil der Kosten liegt bereits auf dem Tisch. Wir können berechnen, was uns die globale Krise, die ich als Krise des Menschseins verstehe, tagtäglich kostet. Allein die Berichte zur psychosozialen Lage in Deutschland erzählen ihre eigene Geschichte. Und diese gehört verknüpft mit den Geschichten von seelischer Verfasstheit in den Bereichen von Wirtschaft, Gesundheit, Öffentlicher Sektor und Verwaltung, Landwirtschaft, Erziehung und Bildung, Führung, Politik, Kultur …

Ich gehe davon aus, dass es Modelle gibt, anhand derer sich berechnen lässt, wie sich diese Kosten in die Zukunft hinein fortschreiben. Doch Zahlen allein bilden niemals die umfassendere Wirklichkeit ab.

Jede/r kann für einen Moment innehalten und sich vorstellen, wie eine anhaltende Blockierung von Seelenqualitäten in unser aller Leben wirken würde und welche materiellen und immateriellen Folgen das ergäbe.

Wenn ich den aktuellen Zustand der Welt als eine kollektive Entwicklungskrise betrachte, sehe ich die Herausforderungen UND die Gelegenheiten. Niemand hindert uns, die Chancen zu ergreifen. Und weil ich gelernt habe das Hinabsteigen zu begleiten und diese Aufgabe mich gefunden hat, nehme ich meinen Platz an der Schwelle ein … und erwarte dich dort.

Das kann dich unterstützen ein gesundes Ego zu entwickeln und dich auf die Begegnung mit der Seele vorzubereiten:

Die Reise

Eines Tages wusstest du schließlich,
was du zu tun hattest, und du begannst,
obwohl die Stimmen um dich herum
ihren schlechten Rat 
weiterschrien –
obwohl das ganze Haus
zu zittern begann
und du das alte Zerren
an deinen Fußgelenken spüren konntest.
„Bring mein Leben ins Reine!“
schrie jede Stimme.
Doch du bliebst nicht stehen.
Du wusstest, was du tun musstest,
obwohl der Wind
seine steifen Finger
ins Fundament selbst steckte,
obwohl ihre Schwermut
furchtbar war.
Es war schon spät genug, und eine wilde Nacht,
und die Straße voller 
herabgefallener Äste und Steine.
Doch während Du die Stimmen zurückließt,
begannen die Sterne,
einer nach dem anderen
durch die Wolkendecke hindurch zu leuchten,
und da war eine neue Stimme,
die du langsam
als deine eigene erkanntest,
die dich begleitete,
als du tiefer und tiefer
in die Welt hinein schrittest,
fest entschlossen,
das einzige zu tun, was du tun konntest –
fest entschlossen, 
das einzige Leben zu retten, das du retten konntest.

Mary Oliver

Das, was zählt, hängt davon ab, was in uns selbst lebt – woraus wir tief aus uns selbst schöpfen.

Es sind diese tieferen Quellen, die unseren Wesenskern und unser inneres Wissen nähren.

Wie kommen wir damit in Kontakt? Wie gelingt es, dieses innere Wissen aufsteigen zu lassen?

Schwellenriten

Es gibt Riten (oder Methoden), die so alt sind wie die Menschheit selbst. Sie sind aus allen Kulturen dieser Erde bekannt und ähneln sich in ihrer Grundstruktur, auch wenn es kulturell bedingte Ausschmückungen gibt. Wir nennen sie Schwellenriten oder Schwellenrituale. Genau betrachtet sind es Zeremonien, die uns helfen, inneres Wissen aufsteigen zu lassen – sich bewusst zu werden. Damit bekommen sie Relevanz für unser aktuelles Sein.

Die modernen Wissenschaften – Psychologie, Neurowissenschaften, Kognitionsforschung – haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten unterschiedliche Modelle dafür entwickeln, die beschreiben, was während der Schwellenriten in uns, um uns und durch uns passiert. Die Psychologie arbeitet mit Varianten des Selbst-Konzeptes, die Neurobiologen dokumentieren unsere Gehirnaktivitäten, die Kognitionsforscher steuern Modelle bei, die abbilden, wie wir den Weg vom Unbewussten zum Bewussten beschreiten, wie wir Bedeutung geben …

Ich finde das wirklich wichtig, denn diese unterschiedlichen Annäherungsweisen und Forschungsperspektiven helfen innere Prozesse abzubilden, die sich dem Alltagsbewusstsein schwerlich erschließen.

Wir brauchen diese Forschung, und wir brauchen individuelle und kollektive ERFAHRUNGSRÄUME für uns selbst.

Wir können auf dem Mond landen, doch wir beginnen gerade erst zu erahnen, was MENSCHSEIN tatsächlich bedeutet.

Schwellenzeiten

Schwellenzeiten nennen wir Phasen im Leben, die unsere Aufmerksamkeit in einem vielschichtigen inneren und äußeren Geschehen binden.

Oft bemerken wir zuerst, dass das Leben nicht mehr rund läuft. Es fühlt sich fade an, innige Freude und Lebendigkeit machen sich rar. Müdesein, Angespannung, Gereiztheit, Frustrationen treten stattdessen häufiger auf. Sinnfragen beschäftigen uns. Und wenn Mensch hier nicht wach wird, meldet sich bald der Körper mit somatischen Botschaften.

Das ganze Geschehen ist eine große Einladung des Lebens innezuhalten, zu spüren und tiefer zu schauen. In unserer Kultur ist diese reife Art zu antworten eher selten. Uns fehlen (noch) die weisen Vorbilder für klügeres Handeln in solchen Momenten. Wir sind es eher gewohnt, den Alltag darüber zu legen.

In Schwellenzeiten will etwas in uns aufsteigen. Unser inneres Wissen klopft an. Allerdings kommen die Botschaften nicht in klaren Worten oder schlüssigen Sätzen. Sie kommen durch diffuse Gefühle und symbolische Zeichen. Das braucht Übersetzungsarbeit in unser rationales Verständnis.

Das, was anklopft, kann auch gefährliche Wahrheiten enthalten. Gefährliche Wahrheiten sind solche, die in der Konsequenz betrachtet dazu führen, dass ich mich und mein Leben hinterfrage und verändere.

Wenn wir bemerken, dass wir uns ablenken, betäuben, uns selbst manipulieren, nicht mehr fühlen, dann haben wir Strategien entwickelt, die uns helfen, den „Deckel drauf“ zu lassen. Wir blockieren aktiv einen Bewusstwerdungsprozess. Die persönlichen Strategien können sehr vielfältig sein. Auch das „sich um andere/s kümmern müssen“ zählt als weit verbreitete Vermeidungsstrategie dazu.

Das Leben will, dass wir wachsen. Es will, dass wir die jeweils kühnste und freudvollste Version von uns selbst finden und einbringen. Wenn wir uns nicht freiwillig bewegen, schubst uns das Leben voran.

Wenn wir also bemerken, wie wir ringen, wenn wir spüren, dass neue Aspekte wahrgenommen und erforscht werden wollen, ist es klug, absichtsvoll für eine bestimmte Zeit Ruhe zu schaffen und die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken.

Schwellengang: Retreat and reflect

Die wirksame Methode für konzentrierte Innenschau nennen wir Schwellengang. Schwellengänge sind rituelle Naturübungen in kompakter Form und genau dafür gedacht, sich dem zu nähern, was da ins Bewusstsein drängt.

Der beste Schauplatz für diese rituelle innere Erkundung ist die wilde Natur. Sie wirkt wie ein Spiegel: Das Äußere spiegelt das Innere. Die äußere Natur schenkt uns Bilder, die uns helfen, das innere Geschehen zu beschreiben und zu benennen. Erst was sich benennen lässt, kann sich wandeln.

Weil jeder Mensch einzigartig und gleichzeitig eingebunden in ein natürliches Ganzes ist, findet wirklich jede/r da draußen, was sie oder er braucht für den eigenen Prozess.

So helfen Schwellengänge Bewusstseinszustände zu schaffen, in denen sich Aspekte des Selbst und der Seele enthüllen können.

Wer diese einfache und effektive Methode, sich Zugänge nach innen zu öffnen und aus der tieferen Quelle zu schöpfen, einmal erlernt hat, kultiviert sie oft langfristig und genießt die selbststärkende, klärende Wirkung.

Es ist November und wir befinden uns auf dem Weg durch die lichtarme Jahreszeit. Die Natur weist uns die Richtung: Das Licht steigt hinab.

Damit wird signalisiert, worum es jetzt geht: Äußeres loslassen, sich zurückziehen, ruhen und Kraft sammeln. Und für die menschliche Natur geht es um noch mehr.

Wir sind gerufen uns zurückzuziehen – nach innen, in Richtung unseres Kerns.

Wenn wir uns erlauben stiller zu werden, gelingt es uns leichter nach innen zu lauschen, hin zu diesem tiefen Ort in uns. Dieser innere Ort ist bedeutsam für uns. Er birgt Wesentliches: Unsere eigenen Wahrheiten, das tiefere Wissen um unsere Stärken und Verletzungen und den angemessenen Umgang damit.

Es ist dieser Ort, den wir aufsuchen, um auszusortieren und zu befinden, was wir als Eigenes annehmen oder was wir verwerfen wollen. Es ist ein Ort, der uns nährt, uns heilen und regenerieren lässt. Die Dunkelheit ist dafür vielmehr eine Notwendigkeit als ein Problem.

Diese Zeilen (von Susann Belz in: Räder des Lebens, Klein Jasedow 2014, S. 63) beschreiben es so treffend:

Um zu entdecken, wer sie ist, muss eine Frau* in ihre eigenen Tiefen hinabsteigen. Sie muss die sichere Rolle der treuen Tochter in der Gemeinschaft um sich rum verlassen und hinabsteigen zu ihren individuellen Gefühlswerten.

Es wird ihre Aufgabe sein ihren Schmerz zu erfahren, den Schmerz ihrer einzigartigen Gefühlswerte, die rufen und drängen, um in ihr aufzusteigen.

Um zu entdecken, wer sie ist, muss eine Frau dem Ort der Dunkelheit vertrauen, wo sie ihrer eigenen tiefsten Natur begegnet und ihr eine Stimme gibt, wo sie die Fäden ihres Lebens in ein Stück Stoff webt, um benannt zu werden.

(*Es gilt für Frauen und Männer gleichermaßen.)

Aus der Quelle schöpfen

Wenn wir so hinabsteigen, die Dunkelheit akzeptierend und erforschend, durchstreifen wir die Landschaften der Seele, die neben unseren Kernfähigkeiten und -werten etwas Wildes, Erdiges und Sinnliches offerieren. Eine solche Reise hat etwas zutiefst Belebendes und Klärendes. Wir lernen uns und unser Wesen zu benennen.

Mit dieser köstlichen Klarheit kommen neue Bilder, die uns Anhaltspunkte darüber geben können, auf welche Weise wir unsere Begabungen einbringen und unsere Werte verkörpern. Und diese inneren Bilder schenken uns neue Kraft.

Es ist eine innere Arbeit, die im Verborgenen („im Dunkeln“, weil kaum sichtbar) geschieht. Wir lernen gerade den Wert und die Bedeutung dieser inneren Arbeit zu ermessen. Erst wenn wir uns die Zeit und die Ruhe dafür nehmen uns selbst zu reflektieren und unser Bild von uns zu aktualisieren, können wir uns orientiert und selbstbewusst in Zeiten wie diesen bewegen und wachsen.

Zwei Teile einer Bewegung

Wir wissen es alle: nach dem Absteigen des Lichtes kommt sein erneutes Aufsteigen. Wir nennen es Frühling. Es ist die Jahreszeit, in der die Natur aufbricht, sich entfaltet und verströmt.

Auch dieser Bewegung folgt die menschliche Natur. Und damit es im Frühling etwas zu entfalten und zu verströmen gibt, braucht es die Reise zur Quelle von Lebendigkeit, Selbstwert und -bewusstheit.

Was bedeutet „wild“ für dich? Was fühlst du, wenn du dir „Wildnis“ vorstellst? Welche inneren Bilder steigen auf? Und was wispert deine Seele?

Wenn Wildnis auf dich wie ein Ort wirkt, der frei genug ist, seinen eigenen natürlichen Gesetzen zu folgen und dir als ein zauberhaftes Chaos verschiedener Qualitäten erscheint – was in dir ist selbst so?

Wenn Wildnis dich erschaudern und zögern lässt oder deine Bedenken nährt – was in dir erschaudert?  Was genau lässt dich zögern?

Und was bedeutet Seele? Dieses unsichtbare Etwas, das, wenn wir es ignorieren, ernsthaft zu rebellieren vermag?

Die ganze Welt

Was wir als Welt erleben, ist ein dynamisches, zyklisches Geschehen, eine fortlaufende Bewegung, die nicht mal im Sterben Stillstand kennt.

Als Goethe formulierte: „Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“, fand er eine poetische Beschreibung für ein Phänomen, dass die Wissenschaft „Entropie“ nennt: die Tendenz vom Werden zum Erblühen zum Verfall – ein allumfängliches Geschehen, dass uns Menschen mit Verlangen zum Beständigen an mentale Grenzen zu bringen vermag.

Doch wie orientieren wir uns im fließenden Geschehen, in Veränderungen? Wie finden wir eigene Antworten auf die innigsten menschlichen Fragen?

Psychologen nennen es das Selbst.

Das Selbst wird als eine innere Instanz beschrieben, die nahezu alles beherbergt, was wir erfahren haben, und die genau weiß, was gut für uns ist. ALLERDINGS: Das Selbst braucht absolute Ruhe, um gut arbeiten zu können.

Manchmal bin ich fasziniert von der Fülle der Begriffe um das Selbst: Selbstliebe, Selbstachtsamkeit, Selbstverständnis, Selbstbestimmung, Selbstermächtigung, Selbstkontrolle, Selbstwirksamkeit, Selbstführung, Selbstentwicklung, Selbstbehauptung, Selbstverantwortung, Selbstoptimierung, Selbstmanagement …

Irgendetwas hat es offenbar auf sich mit dem Selbst.

Das Selbst als Vermittler

Ich verstehe das Selbst als eine Art Vermittler zwischen dem tiefsten Inneren – der Seele – und der Alltagswelt.

Die Seele ist der lebendige, wilde, geheimnisvolle Kern des individuellen Selbst, eine Art Wesensessenz, die tief unter den Schichten einer Persönlichkeit liegt. Diese Wesensessenz begründet die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Sie spiegelt die originären persönlichen Eigenschaften und Kernfähigkeiten, sozusagen das Herz der Persönlichkeit, wider.

Bill Plotkin beschreibt die Seele als das „heilige Reich unserer innigsten Absichten, unserer einzigartigen Bedeutung und unseres letztendlichen Lebenssinns“.

Im Spiegel der Natur

Weil wir Menschen ein Teil der Natur sind, bietet uns die Wildnis den wichtigsten Schauplatz für die Reise zur Seele.

Die äußere Natur wirkt dabei wie ein Spiegel unserer inneren Wildnis – der Seele als jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen. Die äußere Natur lässt uns erfassen und erfahren, was uns durch einen mental-kognitiven Zugang oft verborgen bleibt: unsere innere Natur in ihrer Fülle und in ihrer Werdensabsicht.

Wildnis und Seele hängen nicht nur von einander ab, sie sehnen sich gewissermaßen nach einander. Wir brauchen die äußere Natur, um unsere innere Natur zu erkunden. Und die äußere Welt braucht uns in unserem vollen Seelenausdruck, denn ohne diesen wäre die Welt nicht gänzlich ausgedrückt, nicht vollständig.

Eine Reise in die Wildnis der Seele gehört also zum Menschsein dazu. Sie fördert unseren gesunden Selbstausdruck, indem wir unserer Tiefe und Einzigartigkeit, unserer Gaben und Talente gewahr werden und sie auszudrücken lernen. Insofern können wir eine solche Reise heilig – im Sinne von heilend – nennen.