Wandel, Veränderung, Change, Transformation … diese Begriffe nutzen wir gegenwärtig oft, um eine Bewegung zwischen Notwendigkeit und Hoffnung zu beschreiben. Meist unerwähnt bleiben die Übergänge.

Also lasst uns über Übergänge reden. Es ist elementares Menschheitswissen, auch wenn es in der Schule nicht gelehrt wird. Ich halte es für grundlegend, weil es die conditio humana betrifft, also die Art und Weise, wie wir uns selbst erkennen und verstehen lernen und wie wir ein kollektives Verständnis für menschliche Entwicklung und dafür konstruktive Rahmenbedingungen schaffen.

Die Natur der Übergänge

Das Leben gibt uns immer wieder neu Gelegenheit zu wachsen. Wir kennen die verschiedenen Lebensphasen (Kindheit, Pubertät, Adoleszenz, Erwachsensein, Altern). Was uns schon weniger bewusst ist, sind die damit verbundenen Entwicklungsaufgaben. Noch weniger wissen wir über die Wachstumskrisen, die den Übergang von einer Lebensphase in die andere begleiten können.

Die meisten Menschen erleben Übergänge als krisenhaft, weil dieses Geschehen mit wesentlichen körperlichen, seelischen, mentalen, spirituellen sowie materiellen, sozialen und auch räumlichen Veränderungen einhergehen kann. Zu wissen, dass sich mensch in einem Übergangsprozess befindet, dass dies natürlich und potenziell erweiternd ist, welche Phasen ein solcher Prozess durchläuft und wie sich mensch selbst darin stärken kann, schenkt Orientierung, Selbstvertrauen und Zuversicht.

Übergänge sind etwas anderes als Veränderungen.

Die Veränderung ist das, was von außen sichtbar ist, z.B. eine Geburt, Heranwachsen, Erwachsensein, Altern, Sterben; Berufswahl, Arbeitsplatzwechsel, berufliche Neuorientierung, Ausscheiden aus dem Berufsleben; Partnerwahl, Heirat, Umzug, Trennung, Krankheit, Verlust, Tod; Positions-, Status- und Rollenwechsel aller Art. Die Veränderung an sich ist oft nicht das Problem. Es ist der Übergang.

Als Übergang erleben wir den dazugehörigen inneren (psychologischen) Prozess, der im Kern drei Phasen umfasst:

Loslassen

Das Loslassen kann viele Gesichter haben. Manchmal beginnt es so leise, dass wir es kaum bemerken. Das Leben erscheint uns zunehmend stumpf und fad, wir fragen nach dem Sinn unseres Tuns oder fühlen uns erschöpft und nicht mehr so interessiert. Es können aber auch Ereignisse sein, die den gewohnten Lauf der Dinge unterbrechen und verändern. Es können eigene Entscheidungen und selbstgewählte Veränderungen sein … Im Kern geht es darum, etwas Bekanntes, Vertrautes, Identitätsstiftendes zu verlassen. Es ist wie ein Abschiednehmen, ohne genau zu wissen, wohin man aufbricht. Und manchmal bricht man deshalb nicht auf.

Zum Loslassen gehört auch, zurückzuschauen und anzuerkennen, wer man bisher geworden ist. Zu lernen, die Dinge beim Namen zu nennen. Das ist ein emotionales Geschehen, manchmal schmerzhaft und doch heilsam.

Zurückschauen und Abschiednehmen heißt etwas zu beenden. Ein Übergang beginnt mit einem Ende.

Anatole France beschreibt es so: „Alle Veränderungen, selbst die ersehntesten, gehen mit einer Melancholie einher; denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil von uns selbst; wir müssen in einem Leben sterben, bevor wir in ein neues hineingeboren werden können.“

Dazwischensein

Während wir Loslassen üben, gleiten oder stolpern wir in das Nichtwissen des Dazwischenseins (Liminalität) hinein. Für viele ist Nichtwissen ein schwer aushaltbarer Zustand. Doch wenn wir versuchen, das Geschehen zu verkürzen, sorgen wir in gewisser Weise dafür, bei nächster Gelegenheit gleich wieder hier zu landen, weil die schnelle Lösung nicht wirklich trägt.

Im Dazwischensein geht es langsam nach innen, in die Tiefen der Persönlichkeit, in Richtung Seele.

Wir sind gerufen uns mit dem Wesentlichen – mit unserem Wesen – auseinanderzusetzen. In diesem Prozess können wir bemerken, wie sich Sinn und Bedeutung unseres Lebens verschieben oder bereits verschoben haben.

Im Dazwischensein wissen wir noch nicht, ob der Übergang gelingt. Der Ausgang ist offen, das Neue noch nicht greifbar. Das kann als zutiefst beunruhigend oder verstörend empfunden werden. Wir sind dünnhäutig und verletzlich. Wird die Verunsicherung darüber zu groß, können wir in alte Muster und Deutungen zurückfallen. Was uns in dieser Phase hilft, sind Orientierung und Vertrauen – nicht primär als Worte, sondern spürbar als Erfahrung.

Es ist ein Ringen, von außen kaum wahrnehmbar, doch innerlich entfaltet sich ein Prozess, der sehr viel Energie braucht und bindet.

Weil von außen betrachtet nichts zu passieren scheint, werden die Erwartungen aus dem Umfeld immer lauter: Mach doch endlich was! Da, wo es Reflexion und tieferes Erkunden braucht, erwarten Außenstehende Entscheidungen und Aktionen. Dieses Missverständnis bringt zusätzlichen Stress ins Geschehen.

In einem tiefen Moment des Dazwischenseins erwartet uns eine außergewöhnliche Erfahrung: der „Tod“ des Egos oder das „Sterben“ einer alten Geschichte über uns selbst, also etwas, was dem alten Selbstbild ein Ende bereitet und uns für die Begegnung mit den ureigenen Seelenqualitäten öffnet (siehe Archetyp der Heldenreise).

Eine neue Identität entwickeln

So kündigt sich das Hineinwachsen in das Neue an: aus der Tiefe vermag sich eine neue Identität zu entwickeln. Es braucht Zeit, diesen neuen Zugang zu sich selbst zu pflegen, sich den eigenen Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen zu öffnen und neue Verhaltensweisen zu erproben.

Wir beginnen unser Leben neu zu ordnen, uns an Sinnempfinden und eigenen Werten auszurichten, ein neues Lebensbild – eine Vision – zu entwickeln. Wir lernen für uns einzustehen, aufrichtiger und freier zu leben, tragende Beziehungen zu gestalten, freiwillig Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen.

Wir werden unabhängiger von äußeren Umständen. Wir beginnen das neue Selbst zu verkörpern. Wir fühlen uns erfrischt und angekommen. Der Übergang endet mit einem Neuanfang.

Unerkannte Übergänge

Was passiert, wenn Übergänge unerkannt bleiben, sowohl von der Person, die sich im Geschehen befindet als auch vom Umfeld?

Wenn die Krise, der Orientierungsverlust, der Druck zu heftig werden und die Mitmenschen mit Unverständnis reagieren, entscheiden sich viele Menschen für den Weg in ein therapeutisches Setting. Das kann hilfreich und stabilisierend wirken.

Und doch bleibt oft der Eindruck hängen, etwas wäre „falsch“ oder man müsse sich nur mehr anstrengen. Beides halte ich für verhängnisvoll.

Übergänge gehören zum Menschsein. Wenn wir Übergänge als solche erkennen, können wir sie bewusst gestalten.

Bewältigungsstrategien

Im Prinzip hat es die Natur weise eingerichtet: Mensch braucht offenbar ein gewisses Maß an Stress oder Druck, um sich zu bewegen.

Stress- und Herausforderungsempfindungen sind sehr individuell, und ebenso individuell können psychische Entlastungsversuche sein. Es geht weniger darum, ob Entlastung in einen konstruktiven oder destruktiven Prozess mündet; viel wichtiger ist das Entlasten selbst. Und hierin liegt eine Gefahr: Unbewusste emotionale und psychische Entlastungsversuche können zum persönlichen Schaden wirken und ganze Gesellschaften sprengen.

Begleitete Übergänge machen konstruktive Bewältigungsstrategien zugänglich. Und diese zeigen ein methodenübergreifendes Muster: Es geht um Standortbestimmung und Stabilisierung, Anleitung zum Selbsterkunden und Erweitern des Selbstbildes, Orientierung und Neuausrichtung, Verinnerlichen und Verkörpern des Neuen.

Übergänge in der Natur

Es gibt viele Möglichkeiten Übergänge zu begleiten und zu gestalten, doch Übergänge im Spiegel der Natur zu vollziehen gilt als besonders artgerechte Weise.

Wenn wir nach draußen gehen, finden wir Ruhe und schöpfen Kraft. Ein Naturgang kann bei jedem Wetter klärend wirken. Die Qualität unserer Aufmerksamkeit verändert sich: Sie wird weiter, fließender, offener. Wir werden empfänglicher.

Diese Erfahrungen haben Menschen seit jeher genutzt und sich in Übergängen in die Natur zurückgezogen. In der Stille und im Spiegel der Natur fanden sie Antworten, Heilung und Mut in sich.

Die Natur ist wesentlicher Schauplatz und Spiegel für Bewusstwerdungsprozesse. Sie spiegelt unsere innere Wildnis – die Seele als jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen – durch Bilder, die uns helfen Worte zu finden, wofür es bisher keine Worte gab. Das lässt uns erfassen, was einem rationalen Zugang oft verborgen bleibt: unsere innere Natur in ihrer Fülle und in ihrer Werdensabsicht.

Wir kennen Übergangsriten in der Natur aus allen Kulturen der Erde. Sinn und Zweck dieser Riten ist es, die schwierigen Passagen zu begleiten und abzusichern, indem sie den inneren Erkundungen einen Rahmen – und damit Zuwendung, Halt und Orientierung – geben. Gleichzeitig helfen sie die innere Arbeit des Individuums zu würdigen, wissend, dass diese innere Arbeit dazu beiträgt die Gemeinschaft als Ganzes zu stärken und zu erneuern.

Deshalb betonte mein Lehrer Holger Heiten, dass Passageriten zu den wichtigsten kulturellen Leistungen einer Gesellschaft zählen.

Zum Wohl und zur Erneuerung der Gemeinschaft

Auch wenn das Wissen um die Übergänge zunächst persönlich relevant und wertvoll erscheint, ist der wahre Entfaltungsraum die Gesellschaft. Menschliche Entwicklung vollzieht sich durch Aufeinanderbezogensein im Netz des Lebens.

Wir brauchen gerade jetzt das Wissen um die Dynamiken der Übergänge als Schlüssel zum Verständnis der individuellen und kollektiven Dimensionen und Wirkkraft dieser Prozesse. Wir müssen erkennen können, was mit uns und um uns passiert und die tieferen Beweggründe verstehen. Dann sehen wir, wo unsere wahren Handlungsfelder liegen.

Wenn ich den Zustand der Welt betrachte und auf mich wirken lasse, komme ich immer öfter zu dem Schluss: Wir brauchen mehr Seele.

Ist nicht genau dieser Zustand ein Resultat entseelten Handelns?

Ist nicht die psychosoziale Lage in unserem Land ein Ausdruck von blockierten Zugängen zur Seele?

Ist nicht die Klimakrise ein Ausdruck unserer Entfremdung vom Urgrund des Lebens, von Natur und damit von der eigenen Menschenseele?

Wie ich Seele verstehe

Ich verstehe Seele als unsere wahre Natur, die tiefere Essenz dessen, wer wir sind mit unseren Kernfähigkeiten, tieferen Werten, innigsten Absichten – der natürlichste und lebendigste Teil in uns.

Damit beschreibt Seele einen individuellen Wesenskern, der von schützenden Schichten umhüllt ist, die letztlich unsere Persönlichkeit formen. Doch unsere Persönlichkeit ist nicht unsere Seele. Bestenfalls fungiert eine authentische, gereifte Persönlichkeit als eine Art Umsetzungssystem für Seelenausdruck.

Wenn wir die Seele als unser wahres inneres Wesen begreifen – die Idee dessen, wofür wir gemeint sind – wird deutlich, dass wir tiefer schürfen müssen, weil wir es nicht mit etwas Offensichtlichem zu tun haben.

Da die Beziehung unserer Kultur zur Seele widersprüchlich ist, erhalten wir widersprüchliche Botschaften darüber, wie wir Seele auffassen können.

Deshalb scheint mir eine weitere Begriffsklärung angemessen. Weil der wissenschaftliche Diskurs anhält, habe ich mir für mein Arbeiten an die Tiefenpsychologie angelehnte alltagspraktische Definitionen geschaffen.

Das Ego, die Seele, das Selbst

Das Ego oder das Ich verstehe ich wie ein „Gefäß“ für das eigene Leben. Es ist unsere Wirklichkeitsfunktion (S.Freud), die uns hilft unseren Alltag zu meistern. Das Ego schafft eine Grenze zwischen uns und allem anderen und lässt uns gleichzeitig mit der Welt in Verbindung bleiben. Das Ego ermöglicht es, dass wir uns in die Welt einfügen und sie verändern können.

Soziale und politische Theorien (z.B. in der Literatur zu Management, Arbeitswelten, Erziehung, sozialen Systemen) konzentrieren sich auf ein gesundes Ego und klammern Seele und Selbst aus. Auch viele Bereiche der Psychologie behandeln nur Ich-Belange und Ego-Entwicklung. Das ist weder gut noch schlecht, es beschreibt nur, was betrachtet wird und was nicht.

Die Seele ist (nach C.G. Jung) unsere wahre Natur, die tiefe Essenz dessen, wer wir sind. Die Seele fordert uns auf zu wachsen, unsere Einzigartigkeit zu entwickeln, das Tiefe und Unbewusste in uns zu akzeptieren und mit Vertrauen in die Welt zu blicken.

A.Maslow beschreibt in der Ego-Seelen-Dynamik den in die menschliche Natur eingebetteten existenziellen Konflikt zwischen den Kräften, die unser Ego verteidigen, und den Kräften, die uns wachsen sehen wollen.

Aus der Verbindung von Ego und Seele geht das Selbst hervor. Es wirkt als Vermittler der Seele: Wir wissen, wer wir sind und haben ein Gefühl und einen Ausdruck echter Identität erreicht (Selbstausdruck). Wir integrieren nach und nach die disparaten Anteile unserer Psyche und erleben Integrität und Ganzheit. Wir haben unsere Gabe/unsere Aufgabe erkannt und finden angemessene Möglichkeiten (Umsetzungssysteme) uns in die Welt hinein auszudrücken und einen Beitrag zum Leben zu leisten, den NUR wir leisten können.

Wofür wir mehr Seele brauchen

Komprimiert ausgedrückt: Wir brauchen Seele und Wege zur Seelenbegegnung, um unser evolutionäres Potenzial zu entfalten.

Gehe hinaus und frage Menschen nach ihrer tiefsten Sehnsucht … und höre wach und mit offenem Herzen zu. Es gibt ein Muster in diesen Geschichten.

Wir sehnen uns danach, das eigene Wesen zu entdecken, unsere eigene Art der Zugehörigkeit zu dieser Welt zu finden und die Gabe, mit der wir geboren wurden, einzubringen.

Ebenso stark wie dieses Sehnen ist unsere Angst zu finden, wonach wir suchen. Wir ahnen, dass dies unseren Wunsch nach Sicherheit und Bequemlichkeit erschüttern und unser Leben gründlich verändern würde.

Tief im Inneren spüren wir, dass wir uns selbst verleugnen, wenn wir dieses Sehnen ignorieren, und wir in einem fremdbestimmten, viel zu engem Leben hocken bleiben. Wir spüren diesen ungelösten Konflikt und wir hoffen, dass ihn jemand von höherer Macht auf elegante und schonende Weise für uns lösen möge.

Doch so läuft das leider nicht.

Suchen

Also suchen wir nach einer Art Ausweg frei nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Wir suchen Ärzte auf, wenn die Psyche somatisiert. Wir erhoffen von Psychotherapeuten, dass sie unsere emotionalen Wunden versorgen. Wir suchen in Religionen nach Seelenheil. Wir erreichen einige Fortschritte, doch das große Sehnen bleibt. Auch wenn wir uns noch so anstrengen, hart arbeiten, aufsteigen, Familien gründen, Häuser bauen, uns erschöpfen, uns durch Konsumieren trösten, uns betäuben – auf diese Art erfüllt sich unser tiefstes Sehnen nicht.

In den Mythologien der Welt finden wir zahllose Geschichten über die Reise zur Seele. Sie beschreiben das Hinabsteigen der Held*innen in die Tiefen der Unterwelt (siehe Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, Frankfurt am Main 1999).

Diese Geschichten zeigen, dass Seelenbegegnung für jede/n von uns gedacht ist, denn Heilung geschieht nur auf tiefster Ebene und in einer Weise, die uns befähigt unsere erwachsene Authentizität und Einzigartigkeit auszudrücken und unseren besonderen Platz in der Welt einzunehmen.

Der Archetyp der Heldenreise

Die Heldenreise (auch Monomythos oder Quest genannt) beschreibt einen Weg der Seelenbegegnung. Die mythischen Held*innen stehen gleichsam für dich und für mich, für Menschen mitten im alltäglichen Leben.

Die Reise beginnt mit dem Entschluss und der Vorbereitung. Wir brauchen unsere ganze Kompetenz, unseren Mut, unsere Menschlichkeit, um gegen die Zweifel und Hindernisse zu bestehen.

Dann brechen wir auf und verlassen das Bekannte und Alltägliche: das Zuhause, die sozialen Rollen, das bisherige Selbstverständnis. Wir betreten unbekanntes Terrain.

Wir erreichen eine Schwelle, die unsere Alltagswelt von der tieferen numinosen Seelenwelt trennt. Oft wird diese Schwelle, dieser Übergang, von einem Schwellenwächter bewacht, der die Ernsthaftigkeit unserer Absicht prüft. Das ist ein wichtiger Moment der Reise und soll den Wechsel der Bewusstseinsebenen unterstützen.

Wir reisen, so Campbell, durch „eine Welt unbekannter und doch seltsam vertrauter Kräfte“. Sie stehen für unsere bislang abgewehrten Anteile und Aspekte.

Im tiefsten Moment der Reise erwartet uns eine außergewöhnliche Erfahrung: der „Tod“ des Egos oder das „Sterben“ eines alten Mythos (einer alten Geschichte über uns selbst), also etwas, was dem alten Selbstbild ein Ende bereitet und uns, wie zur Belohnung, für die Begegnung mit der Seele öffnet.

Seelenkräfte entdecken

Das Entdecken von Seelenkräften wird auf verschiedene Weise erfahren. Im Mythos wird dieses verwandelnde Moment durch das Erhalten eines Schatzes, Elixiers oder heiligen Gegenstands symbolisiert. In jedem Fall führt es dazu, dass wir in weitaus bewussterer Übereinstimmung mit der Seele als zuvor in die Alltagswelt zurückkehren.

Indem wir lernen unsere Seelenkräfte zu verkörpern, wird die Welt innerlich wie äußerlich erneuert: Unser Weltbild erweitert sich, unser Platz darin verändert sich und wir wissen um unsere heilige Aufgabe, mit der wir unsere Gemeinschaft bereichern.

Darüber hinaus haben wir erfahren, was es bedeutet, dem Ruf der Seele zu folgen und werden ihre Stimme fortan freier hören können … und erneut aufbrechen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Die drei Phasen der Reise entsprechen den Phasen der psychologischen Entwicklung des Menschen: Wir entwickeln das Ego, dann begegnen wir der Seele und schließlich bringen wir unser einzigartiges Selbst hervor – immer vorausgesetzt, wir treten diese Reise an.

 

 

Wie wir uns der Seele öffnen

Die wirksamsten Wege zur Seele öffnen sich im Zwiegespräch mit der Natur. Dabei ist die äußere Wildnis Schauplatz und gleichzeitig Spiegel unserer inneren Wildnis – jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen. Der Spiegel der Natur lässt uns erfassen, was sich dem Bewussten noch entzieht. Wenn wir bereit sind, uns diesen Kräften zu öffnen, antwortet die Seele in der ihr eigenen Weise.

Natur und Seele bedingen einander und sprechen auf sehr ähnliche Art vom Wesen einer Sache – sei es ein Baum, ein Tier oder eine Person. Die Natur braucht uns in unserer Seelenverkörperung, damit die Welt ganz – vollständig – zum Ausdruck kommt. Und unsere Seele verlangt nach einer Welt, in der sich Natur vollständig und verschiedenartig verkörpern kann.

Was kostet es uns die Seele zu ignorieren?

Ich denke, ein wesentlicher Teil der Kosten liegt bereits auf dem Tisch. Wir können berechnen, was uns die globale Krise, die ich als Krise des Menschseins verstehe, tagtäglich kostet. Allein die Berichte zur psychosozialen Lage in Deutschland erzählen ihre eigene Geschichte. Und diese gehört verknüpft mit den Geschichten von seelischer Verfasstheit in den Bereichen von Wirtschaft, Gesundheit, Öffentlicher Sektor und Verwaltung, Landwirtschaft, Erziehung und Bildung, Führung, Politik, Kultur …

Ich gehe davon aus, dass es Modelle gibt, anhand derer sich berechnen lässt, wie sich diese Kosten in die Zukunft hinein fortschreiben. Doch Zahlen allein bilden niemals die umfassendere Wirklichkeit ab.

Jede/r kann für einen Moment innehalten und sich vorstellen, wie eine anhaltende Blockierung von Seelenqualitäten in unser aller Leben wirken würde und welche materiellen und immateriellen Folgen das ergäbe.

Wenn ich den aktuellen Zustand der Welt als eine kollektive Entwicklungskrise betrachte, sehe ich die Herausforderungen UND die Gelegenheiten. Niemand hindert uns, die Chancen zu ergreifen. Und weil ich gelernt habe das Hinabsteigen zu begleiten und diese Aufgabe mich gefunden hat, nehme ich meinen Platz an der Schwelle ein … und erwarte dich dort.

Das kann dich unterstützen ein gesundes Ego zu entwickeln und dich auf die Begegnung mit der Seele vorzubereiten:

Die Reise

Eines Tages wusstest du schließlich,
was du zu tun hattest, und du begannst,
obwohl die Stimmen um dich herum
ihren schlechten Rat 
weiterschrien –
obwohl das ganze Haus
zu zittern begann
und du das alte Zerren
an deinen Fußgelenken spüren konntest.
„Bring mein Leben ins Reine!“
schrie jede Stimme.
Doch du bliebst nicht stehen.
Du wusstest, was du tun musstest,
obwohl der Wind
seine steifen Finger
ins Fundament selbst steckte,
obwohl ihre Schwermut
furchtbar war.
Es war schon spät genug, und eine wilde Nacht,
und die Straße voller 
herabgefallener Äste und Steine.
Doch während Du die Stimmen zurückließt,
begannen die Sterne,
einer nach dem anderen
durch die Wolkendecke hindurch zu leuchten,
und da war eine neue Stimme,
die du langsam
als deine eigene erkanntest,
die dich begleitete,
als du tiefer und tiefer
in die Welt hinein schrittest,
fest entschlossen,
das einzige zu tun, was du tun konntest –
fest entschlossen, 
das einzige Leben zu retten, das du retten konntest.

Mary Oliver

Was bedeutet „wild“ für dich? Was fühlst du, wenn du dir „Wildnis“ vorstellst? Welche inneren Bilder steigen auf? Und was wispert deine Seele?

Wenn Wildnis auf dich wie ein Ort wirkt, der frei genug ist, seinen eigenen natürlichen Gesetzen zu folgen und dir als ein zauberhaftes Chaos verschiedener Qualitäten erscheint – was in dir ist selbst so?

Wenn Wildnis dich erschaudern und zögern lässt oder deine Bedenken nährt – was in dir erschaudert?  Was genau lässt dich zögern?

Und was bedeutet Seele? Dieses unsichtbare Etwas, das, wenn wir es ignorieren, ernsthaft zu rebellieren vermag?

Die ganze Welt

Was wir als Welt erleben, ist ein dynamisches, zyklisches Geschehen, eine fortlaufende Bewegung, die nicht mal im Sterben Stillstand kennt.

Als Goethe formulierte: „Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“, fand er eine poetische Beschreibung für ein Phänomen, dass die Wissenschaft „Entropie“ nennt: die Tendenz vom Werden zum Erblühen zum Verfall – ein allumfängliches Geschehen, dass uns Menschen mit Verlangen zum Beständigen an mentale Grenzen zu bringen vermag.

Doch wie orientieren wir uns im fließenden Geschehen, in Veränderungen? Wie finden wir eigene Antworten auf die innigsten menschlichen Fragen?

Psychologen nennen es das Selbst.

Das Selbst wird als eine innere Instanz beschrieben, die nahezu alles beherbergt, was wir erfahren haben, und die genau weiß, was gut für uns ist. ALLERDINGS: Das Selbst braucht absolute Ruhe, um gut arbeiten zu können.

Manchmal bin ich fasziniert von der Fülle der Begriffe um das Selbst: Selbstliebe, Selbstachtsamkeit, Selbstverständnis, Selbstbestimmung, Selbstermächtigung, Selbstkontrolle, Selbstwirksamkeit, Selbstführung, Selbstentwicklung, Selbstbehauptung, Selbstverantwortung, Selbstoptimierung, Selbstmanagement …

Irgendetwas hat es offenbar auf sich mit dem Selbst.

Das Selbst als Vermittler

Ich verstehe das Selbst als eine Art Vermittler zwischen dem tiefsten Inneren – der Seele – und der Alltagswelt.

Die Seele ist der lebendige, wilde, geheimnisvolle Kern des individuellen Selbst, eine Art Wesensessenz, die tief unter den Schichten einer Persönlichkeit liegt. Diese Wesensessenz begründet die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Sie spiegelt die originären persönlichen Eigenschaften und Kernfähigkeiten, sozusagen das Herz der Persönlichkeit, wider.

Bill Plotkin beschreibt die Seele als das „heilige Reich unserer innigsten Absichten, unserer einzigartigen Bedeutung und unseres letztendlichen Lebenssinns“.

Im Spiegel der Natur

Weil wir Menschen ein Teil der Natur sind, bietet uns die Wildnis den wichtigsten Schauplatz für die Reise zur Seele.

Die äußere Natur wirkt dabei wie ein Spiegel unserer inneren Wildnis – der Seele als jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen. Die äußere Natur lässt uns erfassen und erfahren, was uns durch einen mental-kognitiven Zugang oft verborgen bleibt: unsere innere Natur in ihrer Fülle und in ihrer Werdensabsicht.

Wildnis und Seele hängen nicht nur von einander ab, sie sehnen sich gewissermaßen nach einander. Wir brauchen die äußere Natur, um unsere innere Natur zu erkunden. Und die äußere Welt braucht uns in unserem vollen Seelenausdruck, denn ohne diesen wäre die Welt nicht gänzlich ausgedrückt, nicht vollständig.

Eine Reise in die Wildnis der Seele gehört also zum Menschsein dazu. Sie fördert unseren gesunden Selbstausdruck, indem wir unserer Tiefe und Einzigartigkeit, unserer Gaben und Talente gewahr werden und sie auszudrücken lernen. Insofern können wir eine solche Reise heilig – im Sinne von heilend – nennen.