Das, was zählt, hängt davon ab, was in uns selbst lebt – woraus wir tief aus uns selbst schöpfen.

Es sind diese tieferen Quellen, die unseren Wesenskern und unser inneres Wissen nähren.

Wie kommen wir damit in Kontakt? Wie gelingt es, dieses innere Wissen aufsteigen zu lassen?

Schwellenriten

Es gibt Riten (oder Methoden), die so alt sind wie die Menschheit selbst. Sie sind aus allen Kulturen dieser Erde bekannt und ähneln sich in ihrer Grundstruktur, auch wenn es kulturell bedingte Ausschmückungen gibt. Wir nennen sie Schwellenriten oder Schwellenrituale. Genau betrachtet sind es Zeremonien, die uns helfen, inneres Wissen aufsteigen zu lassen – sich bewusst zu werden. Damit bekommen sie Relevanz für unser aktuelles Sein.

Die modernen Wissenschaften – Psychologie, Neurowissenschaften, Kognitionsforschung – haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten unterschiedliche Modelle dafür entwickeln, die beschreiben, was während der Schwellenriten in uns, um uns und durch uns passiert. Die Psychologie arbeitet mit Varianten des Selbst-Konzeptes, die Neurobiologen dokumentieren unsere Gehirnaktivitäten, die Kognitionsforscher steuern Modelle bei, die abbilden, wie wir den Weg vom Unbewussten zum Bewussten beschreiten, wie wir Bedeutung geben …

Ich finde das wirklich wichtig, denn diese unterschiedlichen Annäherungsweisen und Forschungsperspektiven helfen innere Prozesse abzubilden, die sich dem Alltagsbewusstsein schwerlich erschließen.

Wir brauchen diese Forschung, und wir brauchen individuelle und kollektive ERFAHRUNGSRÄUME für uns selbst.

Wir können auf dem Mond landen, doch wir beginnen gerade erst zu erahnen, was MENSCHSEIN tatsächlich bedeutet.

Schwellenzeiten

Schwellenzeiten nennen wir Phasen im Leben, die unsere Aufmerksamkeit in einem vielschichtigen inneren und äußeren Geschehen binden.

Oft bemerken wir zuerst, dass das Leben nicht mehr rund läuft. Es fühlt sich fade an, innige Freude und Lebendigkeit machen sich rar. Müdesein, Angespannung, Gereiztheit, Frustrationen treten stattdessen häufiger auf. Sinnfragen beschäftigen uns. Und wenn Mensch hier nicht wach wird, meldet sich bald der Körper mit somatischen Botschaften.

Das ganze Geschehen ist eine große Einladung des Lebens innezuhalten, zu spüren und tiefer zu schauen. In unserer Kultur ist diese reife Art zu antworten eher selten. Uns fehlen (noch) die weisen Vorbilder für klügeres Handeln in solchen Momenten. Wir sind es eher gewohnt, den Alltag darüber zu legen.

In Schwellenzeiten will etwas in uns aufsteigen. Unser inneres Wissen klopft an. Allerdings kommen die Botschaften nicht in klaren Worten oder schlüssigen Sätzen. Sie kommen durch diffuse Gefühle und symbolische Zeichen. Das braucht Übersetzungsarbeit in unser rationales Verständnis.

Das, was anklopft, kann auch gefährliche Wahrheiten enthalten. Gefährliche Wahrheiten sind solche, die in der Konsequenz betrachtet dazu führen, dass ich mich und mein Leben hinterfrage und verändere.

Wenn wir bemerken, dass wir uns ablenken, betäuben, uns selbst manipulieren, nicht mehr fühlen, dann haben wir Strategien entwickelt, die uns helfen, den „Deckel drauf“ zu lassen. Wir blockieren aktiv einen Bewusstwerdungsprozess. Die persönlichen Strategien können sehr vielfältig sein. Auch das „sich um andere/s kümmern müssen“ zählt als weit verbreitete Vermeidungsstrategie dazu.

Das Leben will, dass wir wachsen. Es will, dass wir die jeweils kühnste und freudvollste Version von uns selbst finden und einbringen. Wenn wir uns nicht freiwillig bewegen, schubst uns das Leben voran.

Wenn wir also bemerken, wie wir ringen, wenn wir spüren, dass neue Aspekte wahrgenommen und erforscht werden wollen, ist es klug, absichtsvoll für eine bestimmte Zeit Ruhe zu schaffen und die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken.

Schwellengang: Retreat and reflect

Die wirksame Methode für konzentrierte Innenschau nennen wir Schwellengang. Schwellengänge sind rituelle Naturübungen in kompakter Form und genau dafür gedacht, sich dem zu nähern, was da ins Bewusstsein drängt.

Der beste Schauplatz für diese rituelle innere Erkundung ist die wilde Natur. Sie wirkt wie ein Spiegel: Das Äußere spiegelt das Innere. Die äußere Natur schenkt uns Bilder, die uns helfen, das innere Geschehen zu beschreiben und zu benennen. Erst was sich benennen lässt, kann sich wandeln.

Weil jeder Mensch einzigartig und gleichzeitig eingebunden in ein natürliches Ganzes ist, findet wirklich jede/r da draußen, was sie oder er braucht für den eigenen Prozess.

So helfen Schwellengänge Bewusstseinszustände zu schaffen, in denen sich Aspekte des Selbst und der Seele enthüllen können.

Wer diese einfache und effektive Methode, sich Zugänge nach innen zu öffnen und aus der tieferen Quelle zu schöpfen, einmal erlernt hat, kultiviert sie oft langfristig und genießt die selbststärkende, klärende Wirkung.

Es gehört zur menschlichen Natur, dass wir nach tieferen Einsichten über uns selbst und unsere Welt suchen. Die Therapeutin Diane Poole Heller sagte es einmal so: As humans we are designed to heal.

Wir kennen verschiedene Wege, die Formen von Heilung ermöglichen. Seit Urzeiten gehören Fastenriten in der Wildnis – Visionssuchen – zu den wirkungsvollsten Wegen, um die Mysterien der menschlichen Seele zu erforschen, zu regenerieren und ein Stück weit ganz – heil – zu werden.

Aufbrechen, wenn das Leben uns ruft

Im Laufe unseres Lebens werden wir immer wieder herausgefordert  zu wachsen. Manchmal interveniert das Leben so heftig, dass wir uns wie durchgeschüttelt fühlen. Die Strategien, die bisher funktionierten, um für innere Ruhe und Zuversicht zu sorgen, taugen nun nicht mehr. Dann wird es Zeit und notwendig, sich für das Abenteuer einer Unterwelt-Reise, einer Reise hin zur Seele, zu entscheiden.

Diese Reise verschafft uns Abstand vom Alltag mit seinen Routinen und bringt uns in direkten Kontakt mit den Kräften der Natur. Wir brauchen die Wildnis als Schauplatz und Spiegel für die Reise zu uns selbst.

Visionssuche: Landschaften der Seele erkunden

Die wilde Natur schenkt uns ein tieferes Verständnis der zyklischen Gesetzmäßigkeiten des Lebens, Reifens und Erneuerns, sie hält und führt uns ohne zu werten.

Durch den zeremoniellen Rückzug in die Wildnis schmelzen unsere inneren Barrieren, die wir uns aus alten Glaubenssätze, Überzeugungen, Handlungsmustern, gesellschaftlichen Konventionen gebaut haben.

Wir erinnern uns an uns selbst, an unsere einzigartigen Begabungen, an unser innigstes Sehnen, an unsere tieferen Absichten.

Nach und nach beginnen wir Aspekte abzulegen, die wir uns im Laufe des Lebens aus Zuschreibungen anderer angeeignet hatten, meist ohne zu prüfen, ob sie überhaupt zu uns gehören. Nach und nach spüren wir uns selbst wieder. Nach und nach öffnen wir uns der eigenen Wesensessenz. In solchen Momenten wird das Herz weit und die Seele schwingt sich auf.

Es ist, als würden wir uns selbst hervorbringen und in ein neues Licht stellen. Unsere Zeugen sind die Erde, der Himmel, die Sonne, der Mond, die Sterne, der Wind und all die anderen Wesen um uns.

Erfassen, Verinnerlichen, Bedeutungen geben, Verkörpern

Seelenreisen gleichen heiligen Abenteuern und jede dieser Erfahrungsgeschichten ist einzigartig. Allen gemeinsam ist, dass wir Menschen sie brauchen: Wir wollen sie hören, daran teilhaben, Inspiration erhalten, daraus Mut schöpfen.

Geschichten von heiligen Abenteuern müssen geteilt werden, denn erst im Erzählen und Gehörtwerden entfalten sie ihre vielfältigen Bedeutungsebenen. Deshalb ist es wichtig, das eigene Erleben durch das Mitteilen zu verinnerlichen und ihm Bedeutung zu geben. Das schafft die Basis, von der aus wir beginnen in unsere neue Geschichte hineinzuwachsen und sie zu verkörpern.

Ernten und Feiern

Menschen, die während einer Visionssuche dem Wispern ihrer Seele lauschten, beschreiben diese Erfahrungen so lebendig, berührend und klar – allein das Zuhören gleicht einem Fest. Doch die Ernte ist weit reicher.

Eine Visionssuche wirkt über mehrere Jahre nach. Es ist kaum möglich, diese Erfahrungen zu vergessen, zu ignorieren oder den Alltag drüberwuchern zu lassen.

Noch während wir da draußen sind, beginnt in unserem Gehirn ein neuronaler Umbau. Weil wir mitten im Geschehen sind, spüren und fühlen, saugen die Zellen unseres Körpers diese neuen Informationen geradezu auf. Unsere Herzfrequenz schwingt sich auf die Frequenz des Magnetfeldes der Erde ein. Es ist, als würden wir uns mit dem natürlichen Rhythmus der Erde synchronisieren.

Darüber hinaus ernten die Teilnehmenden:

Es gibt eine Vitalität, eine Lebenskraft, eine Energie, eine Anregung,

die durch dich in Handlungen umgesetzt werden,

und da es dich über alle Zeit hinweg nur einmal gibt,

ist dieser Ausdruck einzigartig.

Und wenn du ihn blockierst,

wird er niemals durch ein anderes Medium existieren, sondern verloren gehen.

Martha Graham

Was bedeutet „wild“ für dich? Was fühlst du, wenn du dir „Wildnis“ vorstellst? Welche inneren Bilder steigen auf? Und was wispert deine Seele?

Wenn Wildnis auf dich wie ein Ort wirkt, der frei genug ist, seinen eigenen natürlichen Gesetzen zu folgen und dir als ein zauberhaftes Chaos verschiedener Qualitäten erscheint – was in dir ist selbst so?

Wenn Wildnis dich erschaudern und zögern lässt oder deine Bedenken nährt – was in dir erschaudert?  Was genau lässt dich zögern?

Und was bedeutet Seele? Dieses unsichtbare Etwas, das, wenn wir es ignorieren, ernsthaft zu rebellieren vermag?

Die ganze Welt

Was wir als Welt erleben, ist ein dynamisches, zyklisches Geschehen, eine fortlaufende Bewegung, die nicht mal im Sterben Stillstand kennt.

Als Goethe formulierte: „Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“, fand er eine poetische Beschreibung für ein Phänomen, dass die Wissenschaft „Entropie“ nennt: die Tendenz vom Werden zum Erblühen zum Verfall – ein allumfängliches Geschehen, dass uns Menschen mit Verlangen zum Beständigen an mentale Grenzen zu bringen vermag.

Doch wie orientieren wir uns im fließenden Geschehen, in Veränderungen? Wie finden wir eigene Antworten auf die innigsten menschlichen Fragen?

Psychologen nennen es das Selbst.

Das Selbst wird als eine innere Instanz beschrieben, die nahezu alles beherbergt, was wir erfahren haben, und die genau weiß, was gut für uns ist. ALLERDINGS: Das Selbst braucht absolute Ruhe, um gut arbeiten zu können.

Manchmal bin ich fasziniert von der Fülle der Begriffe um das Selbst: Selbstliebe, Selbstachtsamkeit, Selbstverständnis, Selbstbestimmung, Selbstermächtigung, Selbstkontrolle, Selbstwirksamkeit, Selbstführung, Selbstentwicklung, Selbstbehauptung, Selbstverantwortung, Selbstoptimierung, Selbstmanagement …

Irgendetwas hat es offenbar auf sich mit dem Selbst.

Das Selbst als Vermittler

Ich verstehe das Selbst als eine Art Vermittler zwischen dem tiefsten Inneren – der Seele – und der Alltagswelt.

Die Seele ist der lebendige, wilde, geheimnisvolle Kern des individuellen Selbst, eine Art Wesensessenz, die tief unter den Schichten einer Persönlichkeit liegt. Diese Wesensessenz begründet die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Sie spiegelt die originären persönlichen Eigenschaften und Kernfähigkeiten, sozusagen das Herz der Persönlichkeit, wider.

Bill Plotkin beschreibt die Seele als das „heilige Reich unserer innigsten Absichten, unserer einzigartigen Bedeutung und unseres letztendlichen Lebenssinns“.

Im Spiegel der Natur

Weil wir Menschen ein Teil der Natur sind, bietet uns die Wildnis den wichtigsten Schauplatz für die Reise zur Seele.

Die äußere Natur wirkt dabei wie ein Spiegel unserer inneren Wildnis – der Seele als jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen. Die äußere Natur lässt uns erfassen und erfahren, was uns durch einen mental-kognitiven Zugang oft verborgen bleibt: unsere innere Natur in ihrer Fülle und in ihrer Werdensabsicht.

Wildnis und Seele hängen nicht nur von einander ab, sie sehnen sich gewissermaßen nach einander. Wir brauchen die äußere Natur, um unsere innere Natur zu erkunden. Und die äußere Welt braucht uns in unserem vollen Seelenausdruck, denn ohne diesen wäre die Welt nicht gänzlich ausgedrückt, nicht vollständig.

Eine Reise in die Wildnis der Seele gehört also zum Menschsein dazu. Sie fördert unseren gesunden Selbstausdruck, indem wir unserer Tiefe und Einzigartigkeit, unserer Gaben und Talente gewahr werden und sie auszudrücken lernen. Insofern können wir eine solche Reise heilig – im Sinne von heilend – nennen.