Mein Aufruf zu mehr Reife und Mut führt mich immer wieder in interessante Gespräche über Persönlichkeitswachstum und reifes Erwachsensein. Dabei begegnet mir oft die Auffassung, Erwachsensein bedeute, seine Rechnungen bezahlen zu können und Verantwortung zu tragen.

Ich denke: Ja, das gehört dazu, und es ist noch viel mehr. Es käme mir direkt öde vor, wenn das alles wäre.

Woran erkennen wir „reife Erwachsene“? Was unterscheidet sie von anderen Erwachsenen? Und wofür brauchen wir überhaupt psychosoziale Reife?

Schöne Fragen. Wie Einladungen zu vielen Gesprächen, die wir gemeinsam führen sollten. Denn die Art und Weise wie wir Antworten finden, betrifft uns alle im Kern unseres Menschseins.

Der anhaltende Dialog von Natur und Kultur

Seit Anbeginn vollzieht sich die menschliche Entwicklung als ein Dialog zwischen Natur und Kultur. Elemente aus beiden Bereichen haben gleichermaßen das Menschwerden und -sein geprägt. Mit dem Entstehen der westlichen Zivilisation gewannen die kulturellen Einflüsse zunehmend an Gewicht und das Verständnis, als Mensch Teil der Natur zu sein, ist nahezu abhandengekommen. In den modernen Kulturen leben wir von der natürlichen Welt entfremdet.

Mit der wachsenden Entfremdung ist uns der Zugang zu den Bildern der Natur fast verloren gegangen. Wir verstehen Entwicklung heute eher als ein lineares Geschehen und vergessen unser Eingebundensein ins zirkuläre Geschehen der natürlichen Welt. Und genau aus dieser Quelle erhält mensch die Vorbilder für die eigene wie kollektive Entwicklung.

Leben, Reifen, Vergehen, Erneuern

Zum menschlichen Leben gehören Lebensübergänge – nicht nur die biologischen wie Geborenwerden, Fortpflanzen und Sterben. Interessanter sind die initiatischen Übergänge: Lebensphasen, in denen sich der psycho-spirituelle Schwerpunkt verschiebt. Am deutlichsten spüren wir das in der Jugendzeit und in der Lebensmitte.

Weil wir Menschen natürliche und soziale Wesen sind, begegnen uns in jeder Lebensphase zwei Arten von Entwicklungsaufgaben: Eine Natur- und eine Kulturaufgabe. Die Naturaufgabe führt uns nach innen in die Tiefe der eigenen Persönlichkeit und hin zu einer eigenen Form von Spiritualität. Die Kulturaufgabe fordert uns auf, diese Erfahrungen und Einsichten nach außen zu transferieren, also so umzusetzen, dass sie auch in unserem Umfeld Wirkung entfalten.

Das heißt einerseits, dass diese Entwicklungsaufgaben für jede/n von uns gedacht sind und eine Grundbedingung für gesunden Selbstausdruck bilden. Und andererseits brauchen wir gesunde Formen von Persönlichkeitswachstum, die in das soziale Feld der konkreten Person fließen und dort für Erneuerung und Belebung sorgen. Auch das ist günstigenfalls ein zirkulärer Prozess. Denn durch die Epigenetik wissen wir: Wir sind mehr als unsere Gene. Leben ist wie ein anhaltendes Gespräch zwischen dem vitalen Kern eines Wesens und seinem dynamischen Umfeld.

Entwicklungsaufgaben der Pubertät

Die innere Entwicklungsaufgabe, die zu einer funktionalen (gesunden) jugendlichen Identität führen soll, beinhaltet verschiedene Unteraufgaben wie

Für junge Menschen bildet die Gruppe der Peers den wichtigsten Erfahrungsraum. Hier formt sich das soziale Selbst. Es geht um das Erlernen sozialer Akzeptanz und Selbstannahme.

Die Phase der Pubertät gilt als erste existenzielle Krise im Laufe der persönlichen Entwicklung. Es ist von fundamentaler Bedeutung, wie wir diese Phase erleben, welche Vorbilder uns leiten, welche unterstützenden Personen und Infrastrukturen zugänglich sind und welche inneren Beschlüsse wir über uns selbst in dieser Phase (bewusst oder unbewusst) fassen. Was wir erleben und nicht verarbeiten können, wirkt in die nächste Lebensphase hinein und färbt unser Handeln.

OK, was hat das mit Reife und Mut zu tun?

Ich denke: Jede Menge!

Die globale Krise ist eine Reifekrise.

Inwieweit können wir aufrichtig sagen, dass wir persönlich wie kollektiv unsere jugendlichen Entwicklungsaufgaben hinreichend bewältigt haben?

Was genau beobachten wir?

Aktuell beobachte ich viele Dysfunktionalitäten in unserer Kultur, also Denk- und Verhaltensweisen, die eine ungesunde Wirkung entfalten. Ich beobachte zuweilen Menschen in nicht mehr jugendlichem Alter, die noch mitten in den Entwicklungsaufgaben der Pubertät stecken. Und diese Menschen sind weithin sichtbar, weil sie Führungsaufgaben in allen möglichen Bereichen des Lebens innehaben. Ihr Handeln gleicht psychologisch betrachtet dem von Heranwachsenden, die noch kein umfassenderes Verständnis ihrer Selbst und der natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Lebens entwickelt haben.

Wenn ich unsere Lebensweise betrachte, stelle ich fest: Mit unserer Kultur und ihren Grundannahmen von industriellem Wachstum, Leistung, Profitmaximierung haben wir eine Gesellschaft geschaffen, die einen Nährboden für Identitätsverwirrung, Narzissmus, physische und psychische Gewalt, Süchte und materielle Obsessionen bildet.

Wenn ich den Zustand der Welt betrachte, komme ich zu dem Fazit, dass die globale Krise im Wesentlichen eine Reifekrise ist.

Krise bezeichnet ein Geschehen mit offenem Ausgang. Denn psychologisch betrachtet kann Reifen verweigert werden. Der Mensch kann das. Menschen können den Zustand der Welt und ihren eigenen Zustand verleugnen, sich entfühlen, betäuben, abwesend sein, manipulieren, zerstören.

Reife und Mut für uns selbst und nachfolgende Generationen

Wenn wir als Erwachsene mehr Erfahrungswissen und Autorität für uns beanspruchen, sind wir auch gerufen, mehr Übersicht und Mitverantwortung walten zu lassen. Das heißt, wir müssen uns auch erwachsen verhalten. Ansonsten diskreditieren wir uns selbst.

Um einen wirklichen Wandel zu ermöglichen, sind wir gerufen, unsere Rolle als Menschen auf diesem Planeten neu zu definieren: Wer wollen wir sein? Zerstörer? Mitschöpfer? Aus meiner Sicht ist das der notwendige organisierende Dialog, der initiiert werden will.

Und weil fundamentale Veränderungen Widerstand hervorrufen, brauchen wir auch ein tieferes Verständnis für und einen reiferen Umgang mit diesen Dynamiken.

Und für all das brauchen wir mehr Reife und Mut.

Als echte Erwachsene sind wir gerufen, die eigenen Entwicklungsprozesse in Gang zu bringen und lebendig zu halten. Besonders in der LEBENSMITTE erhalten wir die Chance, sich persönlichem Reifen zu öffnen. Das ist auch ein Akt der Selbstliebe.

Wenn wir unseren Kindern etwas wirklich Wertvolles mitgeben wollen, sollten wir uns unseren eigenen Reifeprozessen stellen. Es erfordert Mut, und es schenkt mehr Mut, Selbstverständnis, Authentizität und Kreativität.

Reife Erwachsene erkennen wir daran, dass sie sich diesen Entwicklungsaufgaben gestellt haben:

Insofern können wir Reife und Mut messen.

In Gesprächen beobachte ich zuweilen, dass das Wort „Initiation“ Irritation auslöst: Vorstellungen von etwas Geheimnisvollen, vielleicht sogar Okkultem, tauchen auf. Oder Gedanken an alte Riten, die bestenfalls noch von „Naturvölkern“ praktiziert  werden. Und schon kommen jede Menge Emotionen ins Spiel … Nein, echt jetzt – brauchen wir das wirklich?

Beginnen wir mit der Wurzel: Initiation leitet sich vom Lateinischen „initium“ ab und bedeutet Anfang, Eingang, Ursprung. Das Verb „initiare“ (beginnen) lässt sich zurückführen auf „īre“: gehen. Das Wort „in-īre“ steht für hineingehen, anfangen, beginnen.

Bei Wikipedia erfahren wir u.a., dass Initiation „die Einführung eines Außenstehenden in eine Gemeinschaft oder den Übergang in einen anderen persönlichen Seinszustand (Status)“ meint.

Für mich bedeutet Initiation das Hineinwachsen in eine neue Kondition des Seins.

Damit setze ich Initiationsgeschehen in den Kontext von Veränderung. Zu den persönlichsten Veränderungen im Leben gehören die Lebensübergänge. Und die haben wir am laufenden Band:

Geborenwerden, Schuleintritt, Verlassen der Kindheit und Eintreten in die Phase der Adoleszenz, Schule verlassen, Berufswahl, Übergänge in verschiedene Ausbildungskontexte, Berufseinstieg, Wahl des Lebensortes, Partnerschaften beginnen bzw. beenden, sich fester binden, Eltern werden, Berufswechsel mit oder ohne Wohnortwechsel, sich trennen, Lebensmitte, Verluste erleiden und akzeptieren lernen, sich nach Krisen ganz neu orientieren … vom Ausscheiden aus dem Berufsleben, vom Altern und Sterben ganz zu schweigen.

Sich selbst aktualisieren

All das ist verbunden mit jeweils neuen Konditionen des Seins, in die wir hineinzuwachsen haben – zuerst von innen her. Das heißt, wie sind gerufen, das Bild von uns selbst zu aktualisieren.

Bei jedem Eintreten in eine neue Kondition des Seins schwingt die Frage mit: Wer bin ich jetzt, wenn ich das Bisherige so nicht mehr bin?

Erst durch den Prozess des „Hineingehens“ in einen neuen persönlichen Seinszustand bekommen die noch ungeklärten Fragen für das Bild von sich selbst Bedeutung: Wer bin ich, wenn ich kein Kind mehr bin? Wer bin ich, wenn ich neu in die Arbeitswelt eintrete? Wer bin ich, wenn ich eine Führungsaufgabe übernehme? Wer bin ich, wenn ich den Verlust eines geliebten Menschen verkraften lernen muss? Wer bin ich als Mutter, als Vater? Wer bin ich, wenn ich meine Kräfte erschöpft habe und mich ausgebrannt fühle? Wer bin ich, wenn ich entdecke, dass ich für ganz fremde Ziele gearbeitet habe? …

Es ist von Bedeutung, inwieweit sich eine Person dieser Fragen bewusst ist, und dann ist es relevant, wie sich jemand den eigenen Antworten nähert.

Menschen, die sich bewusst in einen neuen Seinszustand hineinbewegen, setzen sich mit ihrer Persönlichkeit und ihrer Entwicklung auseinander. Im Prozess des Übergangs lösen sie sich von alten Geschichten von sich selbst und wachsen absichtsvoll in neue, passendere Versionen hinein.

Das ist weniger ein kurzzeitiger linearer als vielmehr ein über Jahre anhaltender zirkulärer Prozess, in dessen Verlauf die neue Geschichte verkörpert wird. Wer es also „eilig“ hat, sollte sich einer wirksamen Prozessbegleitung versichern.

So betrachtet scheint es, als brauchen wir Initiationsprozesse heute dringender als je. Doch wie macht mensch das mit der Initiation? Wo gibt’s das und wie geht das?

Es gibt kein Neubeginnen ohne Übergang.

Aus gutem Grund gelten Übergangs- oder Initiationsriten als wichtigste kulturelle und soziale Leistung einer Gesellschaft.

Ihr Sinn und Zweck ist es, die Phasen des Dazwischenseins durch einen begleiteten Prozess zu strukturieren und Reflexions- und Selbsterfahrungsräume zu öffnen. Damit helfen Passageriten in kritischen Zeiten auf eine stärkende Weise die Verbindung zum eigenen Selbst zu erneuern. So innerlich geklärte Menschen haben mehr psychische Energie für das Neue zur Verfügung. Daher bewegen sie sich orientierter und kraftvoller in ihren jeweiligen sozialen Feldern (Familie, Arbeitsumfeld, Freundeskreis …).

Übergangsriten und Initiation

Das Wissen über die Übergangs- oder Passageriten verdanken wir dem Ethnologen Arnold van Gennep. In seiner Forschung stellt er u.a. fest, dass es in allen Kulturen dieser Erde ein ähnliches Erfahrungswissen gibt: Weil diese Übergänge als potenziell gefährlich gelten, ist es für jede Gesellschaft notwendig rituelle Bewältigungsszenarien zu entwickeln.

Damit sichern Passageriten den ungeschützten, undefinierten Zustand zwischen dem Alten, das nicht mehr trägt, und dem Neuen, das noch nicht trägt, ab.

Van Gennep analysierte die Strukturen von Übergangsriten weltweit vor allem anhand der Untergruppe der Initiationsriten nicht-industrialisierter, segmentärer, indigener Gesellschaften.

Daraus erarbeitete er ein Drei-Phasen-Modell, dem alle Übergangsriten prinzipiell folgen:

Moderne Initiationsriten wie die Visionssuche zeichnen diese Grundstruktur nach. Sie ermöglichen das Herauslösen aus dem Alltag, Reflexion und Feedback, sie fordern zum Einsatz der eigenen Kräfte und Fähigkeiten heraus und unterstützen beim Erproben der neuen, reiferen Version von sich selbst.

Gleichzeitig erfüllen sie ein zutiefst menschliches Bedürfnis: Unsere Psyche sehnt sich nach Vollendung i.S.v. etwas beenden, abschließen, vervollständigen zu können. Unsere Psyche will, dass wir einen „Punkt setzen“, eine „neue Seite aufschlagen“, ein „neues Kapitel beginnen“. Und dafür braucht die Psyche uns ganz körperlich. Es ist wichtig, dass es getan i.S.v. erfahren wird.

Gedanken sind flüchtig, doch eine Erfahrung ankert neuronal, emotional UND körperlich.

„Gehe in die Wildnis, segne dich selbst und erfahre, was getan werden muss.“*

In zwei Aspekten unterscheiden sich die modernen Varianten von den ursprünglichen Riten: in der Rolle der Mentoren und in der Antwort auf die Frage, wer wen wohinein initiiert.

Wenn ich Menschen durch Übergänge begleite, verstehe ich mich als die Person, die den Rahmen für innere Arbeit schafft und hält, und ich verstehe mich als eine Spiegelnde – diejenige, die Rückmeldungen über Wahrgenommenes, Gehörtes, Erlebtes anbietet mit dem zuvor geschaffenen Verständnis: Das, was an Rückmeldung taugt, kann genommen werden; das andere bleibt einfach liegen, bis der Wind es verweht.

Während früher Menschen in eine soziale Rolle initiiert wurden, initiiert sich heute jede/r selbst in einen neuen angestrebten Seinszustand. Niemand kann das für andere tun. Es ist ein Prozess der Selbststärkung und Selbstermächtigung.

Als Guide oder Mentorin kann ich bestenfalls einen wirksamen Rahmen dafür anbieten. Und der wichtigste Schauplatz für diesen Prozess ist die freie Natur.

Einen Überblick über moderne, erprobte Seminare für Initiationsprozesse bietet das deutschsprachige Netzwerk: Visionssuche.net

Was passiert, wenn wir uns anders entscheiden?

Auch wenn Initiationsriten in der Wildnis für jede/n von uns gedacht sind, weil sie uns zu mehr Unabhängigkeit und psychosozialer Reife führen und unsere Veränderungsfähigkeiten stärken, ist ein Leben ohne begleitete Initiation möglich. Ich kann es nicht besser beschreiben als Adrienne Rich:

„Entweder du wirst

durch dieses Tor gehen

Oder du wirst nicht durchgehen.

 

Wenn du durchgehst,

dann ist da jedes Mal das Risiko,

dass du Deinen Namen erinnerst.

 

Dinge werden dir doppelt erscheinen

und du musst zurückschauen

und sie geschehen lassen.

 

Wenn du nicht durchgehst,

dann ist es möglich

würdig zu leben,

deine Haltung aufrecht zu erhalten

deine Stellung zu halten

und tapfer zu sterben.

 

Aber vieles wird dich blenden,

vieles wird dir entgehen

wer weiß zu welchen Kosten?

 

Das Tor selber macht keine Versprechungen.

Es ist nur ein Tor.“

Adrienne Rich

 

*Steven Foster/Meredith Little: Visionssuche, 52012

Das, was zählt, hängt davon ab, was in uns selbst lebt – woraus wir tief aus uns selbst schöpfen.

Es sind diese tieferen Quellen, die unseren Wesenskern und unser inneres Wissen nähren.

Wie kommen wir damit in Kontakt? Wie gelingt es, dieses innere Wissen aufsteigen zu lassen?

Schwellenriten

Es gibt Riten (oder Methoden), die so alt sind wie die Menschheit selbst. Sie sind aus allen Kulturen dieser Erde bekannt und ähneln sich in ihrer Grundstruktur, auch wenn es kulturell bedingte Ausschmückungen gibt. Wir nennen sie Schwellenriten oder Schwellenrituale. Genau betrachtet sind es Zeremonien, die uns helfen, inneres Wissen aufsteigen zu lassen – sich bewusst zu werden. Damit bekommen sie Relevanz für unser aktuelles Sein.

Die modernen Wissenschaften – Psychologie, Neurowissenschaften, Kognitionsforschung – haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten unterschiedliche Modelle dafür entwickeln, die beschreiben, was während der Schwellenriten in uns, um uns und durch uns passiert. Die Psychologie arbeitet mit Varianten des Selbst-Konzeptes, die Neurobiologen dokumentieren unsere Gehirnaktivitäten, die Kognitionsforscher steuern Modelle bei, die abbilden, wie wir den Weg vom Unbewussten zum Bewussten beschreiten, wie wir Bedeutung geben …

Ich finde das wirklich wichtig, denn diese unterschiedlichen Annäherungsweisen und Forschungsperspektiven helfen innere Prozesse abzubilden, die sich dem Alltagsbewusstsein schwerlich erschließen.

Wir brauchen diese Forschung, und wir brauchen individuelle und kollektive ERFAHRUNGSRÄUME für uns selbst.

Wir können auf dem Mond landen, doch wir beginnen gerade erst zu erahnen, was MENSCHSEIN tatsächlich bedeutet.

Schwellenzeiten

Schwellenzeiten nennen wir Phasen im Leben, die unsere Aufmerksamkeit in einem vielschichtigen inneren und äußeren Geschehen binden.

Oft bemerken wir zuerst, dass das Leben nicht mehr rund läuft. Es fühlt sich fade an, innige Freude und Lebendigkeit machen sich rar. Müdesein, Angespannung, Gereiztheit, Frustrationen treten stattdessen häufiger auf. Sinnfragen beschäftigen uns. Und wenn Mensch hier nicht wach wird, meldet sich bald der Körper mit somatischen Botschaften.

Das ganze Geschehen ist eine große Einladung des Lebens innezuhalten, zu spüren und tiefer zu schauen. In unserer Kultur ist diese reife Art zu antworten eher selten. Uns fehlen (noch) die weisen Vorbilder für klügeres Handeln in solchen Momenten. Wir sind es eher gewohnt, den Alltag darüber zu legen.

In Schwellenzeiten will etwas in uns aufsteigen. Unser inneres Wissen klopft an. Allerdings kommen die Botschaften nicht in klaren Worten oder schlüssigen Sätzen. Sie kommen durch diffuse Gefühle und symbolische Zeichen. Das braucht Übersetzungsarbeit in unser rationales Verständnis.

Das, was anklopft, kann auch gefährliche Wahrheiten enthalten. Gefährliche Wahrheiten sind solche, die in der Konsequenz betrachtet dazu führen, dass ich mich und mein Leben hinterfrage und verändere.

Wenn wir bemerken, dass wir uns ablenken, betäuben, uns selbst manipulieren, nicht mehr fühlen, dann haben wir Strategien entwickelt, die uns helfen, den „Deckel drauf“ zu lassen. Wir blockieren aktiv einen Bewusstwerdungsprozess. Die persönlichen Strategien können sehr vielfältig sein. Auch das „sich um andere/s kümmern müssen“ zählt als weit verbreitete Vermeidungsstrategie dazu.

Das Leben will, dass wir wachsen. Es will, dass wir die jeweils kühnste und freudvollste Version von uns selbst finden und einbringen. Wenn wir uns nicht freiwillig bewegen, schubst uns das Leben voran.

Wenn wir also bemerken, wie wir ringen, wenn wir spüren, dass neue Aspekte wahrgenommen und erforscht werden wollen, ist es klug, absichtsvoll für eine bestimmte Zeit Ruhe zu schaffen und die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken.

Schwellengang: Retreat and reflect

Die wirksame Methode für konzentrierte Innenschau nennen wir Schwellengang. Schwellengänge sind rituelle Naturübungen in kompakter Form und genau dafür gedacht, sich dem zu nähern, was da ins Bewusstsein drängt.

Der beste Schauplatz für diese rituelle innere Erkundung ist die wilde Natur. Sie wirkt wie ein Spiegel: Das Äußere spiegelt das Innere. Die äußere Natur schenkt uns Bilder, die uns helfen, das innere Geschehen zu beschreiben und zu benennen. Erst was sich benennen lässt, kann sich wandeln.

Weil jeder Mensch einzigartig und gleichzeitig eingebunden in ein natürliches Ganzes ist, findet wirklich jede/r da draußen, was sie oder er braucht für den eigenen Prozess.

So helfen Schwellengänge Bewusstseinszustände zu schaffen, in denen sich Aspekte des Selbst und der Seele enthüllen können.

Wer diese einfache und effektive Methode, sich Zugänge nach innen zu öffnen und aus der tieferen Quelle zu schöpfen, einmal erlernt hat, kultiviert sie oft langfristig und genießt die selbststärkende, klärende Wirkung.