Wandel, Veränderung, Change, Transformation … diese Begriffe nutzen wir gegenwärtig oft, um eine Bewegung zwischen Notwendigkeit und Hoffnung zu beschreiben. Meist unerwähnt bleiben die Übergänge.

Also lasst uns über Übergänge reden. Es ist elementares Menschheitswissen, auch wenn es in der Schule nicht gelehrt wird. Ich halte es für grundlegend, weil es die conditio humana betrifft, also die Art und Weise, wie wir uns selbst erkennen und verstehen lernen und wie wir ein kollektives Verständnis für menschliche Entwicklung und dafür konstruktive Rahmenbedingungen schaffen.

Die Natur der Übergänge

Das Leben gibt uns immer wieder neu Gelegenheit zu wachsen. Wir kennen die verschiedenen Lebensphasen (Kindheit, Pubertät, Adoleszenz, Erwachsensein, Altern). Was uns schon weniger bewusst ist, sind die damit verbundenen Entwicklungsaufgaben. Noch weniger wissen wir über die Wachstumskrisen, die den Übergang von einer Lebensphase in die andere begleiten können.

Die meisten Menschen erleben Übergänge als krisenhaft, weil dieses Geschehen mit wesentlichen körperlichen, seelischen, mentalen, spirituellen sowie materiellen, sozialen und auch räumlichen Veränderungen einhergehen kann. Zu wissen, dass sich mensch in einem Übergangsprozess befindet, dass dies natürlich und potenziell erweiternd ist, welche Phasen ein solcher Prozess durchläuft und wie sich mensch selbst darin stärken kann, schenkt Orientierung, Selbstvertrauen und Zuversicht.

Übergänge sind etwas anderes als Veränderungen.

Die Veränderung ist das, was von außen sichtbar ist, z.B. eine Geburt, Heranwachsen, Erwachsensein, Altern, Sterben; Berufswahl, Arbeitsplatzwechsel, berufliche Neuorientierung, Ausscheiden aus dem Berufsleben; Partnerwahl, Heirat, Umzug, Trennung, Krankheit, Verlust, Tod; Positions-, Status- und Rollenwechsel aller Art. Die Veränderung an sich ist oft nicht das Problem. Es ist der Übergang.

Als Übergang erleben wir den dazugehörigen inneren (psychologischen) Prozess, der im Kern drei Phasen umfasst:

Loslassen

Das Loslassen kann viele Gesichter haben. Manchmal beginnt es so leise, dass wir es kaum bemerken. Das Leben erscheint uns zunehmend stumpf und fad, wir fragen nach dem Sinn unseres Tuns oder fühlen uns erschöpft und nicht mehr so interessiert. Es können aber auch Ereignisse sein, die den gewohnten Lauf der Dinge unterbrechen und verändern. Es können eigene Entscheidungen und selbstgewählte Veränderungen sein … Im Kern geht es darum, etwas Bekanntes, Vertrautes, Identitätsstiftendes zu verlassen. Es ist wie ein Abschiednehmen, ohne genau zu wissen, wohin man aufbricht. Und manchmal bricht man deshalb nicht auf.

Zum Loslassen gehört auch, zurückzuschauen und anzuerkennen, wer man bisher geworden ist. Zu lernen, die Dinge beim Namen zu nennen. Das ist ein emotionales Geschehen, manchmal schmerzhaft und doch heilsam.

Zurückschauen und Abschiednehmen heißt etwas zu beenden. Ein Übergang beginnt mit einem Ende.

Anatole France beschreibt es so: „Alle Veränderungen, selbst die ersehntesten, gehen mit einer Melancholie einher; denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil von uns selbst; wir müssen in einem Leben sterben, bevor wir in ein neues hineingeboren werden können.“

Dazwischensein

Während wir Loslassen üben, gleiten oder stolpern wir in das Nichtwissen des Dazwischenseins (Liminalität) hinein. Für viele ist Nichtwissen ein schwer aushaltbarer Zustand. Doch wenn wir versuchen, das Geschehen zu verkürzen, sorgen wir in gewisser Weise dafür, bei nächster Gelegenheit gleich wieder hier zu landen, weil die schnelle Lösung nicht wirklich trägt.

Im Dazwischensein geht es langsam nach innen, in die Tiefen der Persönlichkeit, in Richtung Seele.

Wir sind gerufen uns mit dem Wesentlichen – mit unserem Wesen – auseinanderzusetzen. In diesem Prozess können wir bemerken, wie sich Sinn und Bedeutung unseres Lebens verschieben oder bereits verschoben haben.

Im Dazwischensein wissen wir noch nicht, ob der Übergang gelingt. Der Ausgang ist offen, das Neue noch nicht greifbar. Das kann als zutiefst beunruhigend oder verstörend empfunden werden. Wir sind dünnhäutig und verletzlich. Wird die Verunsicherung darüber zu groß, können wir in alte Muster und Deutungen zurückfallen. Was uns in dieser Phase hilft, sind Orientierung und Vertrauen – nicht primär als Worte, sondern spürbar als Erfahrung.

Es ist ein Ringen, von außen kaum wahrnehmbar, doch innerlich entfaltet sich ein Prozess, der sehr viel Energie braucht und bindet.

Weil von außen betrachtet nichts zu passieren scheint, werden die Erwartungen aus dem Umfeld immer lauter: Mach doch endlich was! Da, wo es Reflexion und tieferes Erkunden braucht, erwarten Außenstehende Entscheidungen und Aktionen. Dieses Missverständnis bringt zusätzlichen Stress ins Geschehen.

In einem tiefen Moment des Dazwischenseins erwartet uns eine außergewöhnliche Erfahrung: der „Tod“ des Egos oder das „Sterben“ einer alten Geschichte über uns selbst, also etwas, was dem alten Selbstbild ein Ende bereitet und uns für die Begegnung mit den ureigenen Seelenqualitäten öffnet (siehe Archetyp der Heldenreise).

Eine neue Identität entwickeln

So kündigt sich das Hineinwachsen in das Neue an: aus der Tiefe vermag sich eine neue Identität zu entwickeln. Es braucht Zeit, diesen neuen Zugang zu sich selbst zu pflegen, sich den eigenen Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen zu öffnen und neue Verhaltensweisen zu erproben.

Wir beginnen unser Leben neu zu ordnen, uns an Sinnempfinden und eigenen Werten auszurichten, ein neues Lebensbild – eine Vision – zu entwickeln. Wir lernen für uns einzustehen, aufrichtiger und freier zu leben, tragende Beziehungen zu gestalten, freiwillig Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen.

Wir werden unabhängiger von äußeren Umständen. Wir beginnen das neue Selbst zu verkörpern. Wir fühlen uns erfrischt und angekommen. Der Übergang endet mit einem Neuanfang.

Unerkannte Übergänge

Was passiert, wenn Übergänge unerkannt bleiben, sowohl von der Person, die sich im Geschehen befindet als auch vom Umfeld?

Wenn die Krise, der Orientierungsverlust, der Druck zu heftig werden und die Mitmenschen mit Unverständnis reagieren, entscheiden sich viele Menschen für den Weg in ein therapeutisches Setting. Das kann hilfreich und stabilisierend wirken.

Und doch bleibt oft der Eindruck hängen, etwas wäre „falsch“ oder man müsse sich nur mehr anstrengen. Beides halte ich für verhängnisvoll.

Übergänge gehören zum Menschsein. Wenn wir Übergänge als solche erkennen, können wir sie bewusst gestalten.

Bewältigungsstrategien

Im Prinzip hat es die Natur weise eingerichtet: Mensch braucht offenbar ein gewisses Maß an Stress oder Druck, um sich zu bewegen.

Stress- und Herausforderungsempfindungen sind sehr individuell, und ebenso individuell können psychische Entlastungsversuche sein. Es geht weniger darum, ob Entlastung in einen konstruktiven oder destruktiven Prozess mündet; viel wichtiger ist das Entlasten selbst. Und hierin liegt eine Gefahr: Unbewusste emotionale und psychische Entlastungsversuche können zum persönlichen Schaden wirken und ganze Gesellschaften sprengen.

Begleitete Übergänge machen konstruktive Bewältigungsstrategien zugänglich. Und diese zeigen ein methodenübergreifendes Muster: Es geht um Standortbestimmung und Stabilisierung, Anleitung zum Selbsterkunden und Erweitern des Selbstbildes, Orientierung und Neuausrichtung, Verinnerlichen und Verkörpern des Neuen.

Übergänge in der Natur

Es gibt viele Möglichkeiten Übergänge zu begleiten und zu gestalten, doch Übergänge im Spiegel der Natur zu vollziehen gilt als besonders artgerechte Weise.

Wenn wir nach draußen gehen, finden wir Ruhe und schöpfen Kraft. Ein Naturgang kann bei jedem Wetter klärend wirken. Die Qualität unserer Aufmerksamkeit verändert sich: Sie wird weiter, fließender, offener. Wir werden empfänglicher.

Diese Erfahrungen haben Menschen seit jeher genutzt und sich in Übergängen in die Natur zurückgezogen. In der Stille und im Spiegel der Natur fanden sie Antworten, Heilung und Mut in sich.

Die Natur ist wesentlicher Schauplatz und Spiegel für Bewusstwerdungsprozesse. Sie spiegelt unsere innere Wildnis – die Seele als jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen – durch Bilder, die uns helfen Worte zu finden, wofür es bisher keine Worte gab. Das lässt uns erfassen, was einem rationalen Zugang oft verborgen bleibt: unsere innere Natur in ihrer Fülle und in ihrer Werdensabsicht.

Wir kennen Übergangsriten in der Natur aus allen Kulturen der Erde. Sinn und Zweck dieser Riten ist es, die schwierigen Passagen zu begleiten und abzusichern, indem sie den inneren Erkundungen einen Rahmen – und damit Zuwendung, Halt und Orientierung – geben. Gleichzeitig helfen sie die innere Arbeit des Individuums zu würdigen, wissend, dass diese innere Arbeit dazu beiträgt die Gemeinschaft als Ganzes zu stärken und zu erneuern.

Deshalb betonte mein Lehrer Holger Heiten, dass Passageriten zu den wichtigsten kulturellen Leistungen einer Gesellschaft zählen.

Zum Wohl und zur Erneuerung der Gemeinschaft

Auch wenn das Wissen um die Übergänge zunächst persönlich relevant und wertvoll erscheint, ist der wahre Entfaltungsraum die Gesellschaft. Menschliche Entwicklung vollzieht sich durch Aufeinanderbezogensein im Netz des Lebens.

Wir brauchen gerade jetzt das Wissen um die Dynamiken der Übergänge als Schlüssel zum Verständnis der individuellen und kollektiven Dimensionen und Wirkkraft dieser Prozesse. Wir müssen erkennen können, was mit uns und um uns passiert und die tieferen Beweggründe verstehen. Dann sehen wir, wo unsere wahren Handlungsfelder liegen.

Was bedeutet „wild“ für dich? Was fühlst du, wenn du dir „Wildnis“ vorstellst? Welche inneren Bilder steigen auf? Und was wispert deine Seele?

Wenn Wildnis auf dich wie ein Ort wirkt, der frei genug ist, seinen eigenen natürlichen Gesetzen zu folgen und dir als ein zauberhaftes Chaos verschiedener Qualitäten erscheint – was in dir ist selbst so?

Wenn Wildnis dich erschaudern und zögern lässt oder deine Bedenken nährt – was in dir erschaudert?  Was genau lässt dich zögern?

Und was bedeutet Seele? Dieses unsichtbare Etwas, das, wenn wir es ignorieren, ernsthaft zu rebellieren vermag?

Die ganze Welt

Was wir als Welt erleben, ist ein dynamisches, zyklisches Geschehen, eine fortlaufende Bewegung, die nicht mal im Sterben Stillstand kennt.

Als Goethe formulierte: „Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“, fand er eine poetische Beschreibung für ein Phänomen, dass die Wissenschaft „Entropie“ nennt: die Tendenz vom Werden zum Erblühen zum Verfall – ein allumfängliches Geschehen, dass uns Menschen mit Verlangen zum Beständigen an mentale Grenzen zu bringen vermag.

Doch wie orientieren wir uns im fließenden Geschehen, in Veränderungen? Wie finden wir eigene Antworten auf die innigsten menschlichen Fragen?

Psychologen nennen es das Selbst.

Das Selbst wird als eine innere Instanz beschrieben, die nahezu alles beherbergt, was wir erfahren haben, und die genau weiß, was gut für uns ist. ALLERDINGS: Das Selbst braucht absolute Ruhe, um gut arbeiten zu können.

Manchmal bin ich fasziniert von der Fülle der Begriffe um das Selbst: Selbstliebe, Selbstachtsamkeit, Selbstverständnis, Selbstbestimmung, Selbstermächtigung, Selbstkontrolle, Selbstwirksamkeit, Selbstführung, Selbstentwicklung, Selbstbehauptung, Selbstverantwortung, Selbstoptimierung, Selbstmanagement …

Irgendetwas hat es offenbar auf sich mit dem Selbst.

Das Selbst als Vermittler

Ich verstehe das Selbst als eine Art Vermittler zwischen dem tiefsten Inneren – der Seele – und der Alltagswelt.

Die Seele ist der lebendige, wilde, geheimnisvolle Kern des individuellen Selbst, eine Art Wesensessenz, die tief unter den Schichten einer Persönlichkeit liegt. Diese Wesensessenz begründet die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Sie spiegelt die originären persönlichen Eigenschaften und Kernfähigkeiten, sozusagen das Herz der Persönlichkeit, wider.

Bill Plotkin beschreibt die Seele als das „heilige Reich unserer innigsten Absichten, unserer einzigartigen Bedeutung und unseres letztendlichen Lebenssinns“.

Im Spiegel der Natur

Weil wir Menschen ein Teil der Natur sind, bietet uns die Wildnis den wichtigsten Schauplatz für die Reise zur Seele.

Die äußere Natur wirkt dabei wie ein Spiegel unserer inneren Wildnis – der Seele als jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen. Die äußere Natur lässt uns erfassen und erfahren, was uns durch einen mental-kognitiven Zugang oft verborgen bleibt: unsere innere Natur in ihrer Fülle und in ihrer Werdensabsicht.

Wildnis und Seele hängen nicht nur von einander ab, sie sehnen sich gewissermaßen nach einander. Wir brauchen die äußere Natur, um unsere innere Natur zu erkunden. Und die äußere Welt braucht uns in unserem vollen Seelenausdruck, denn ohne diesen wäre die Welt nicht gänzlich ausgedrückt, nicht vollständig.

Eine Reise in die Wildnis der Seele gehört also zum Menschsein dazu. Sie fördert unseren gesunden Selbstausdruck, indem wir unserer Tiefe und Einzigartigkeit, unserer Gaben und Talente gewahr werden und sie auszudrücken lernen. Insofern können wir eine solche Reise heilig – im Sinne von heilend – nennen.