Hinabsteigen und aus der Quelle schöpfen


01. November 2018

Ina Deicke

Es ist November und wir befinden uns auf dem Weg durch die lichtarme Jahreszeit. Die Natur weist uns die Richtung: Das Licht steigt hinab.

Damit wird signalisiert, worum es jetzt geht: Äußeres loslassen, sich zurückziehen, ruhen und Kraft sammeln. Und für die menschliche Natur geht es um noch mehr.

Wir sind gerufen uns zurückzuziehen – nach innen, in Richtung unseres Kerns.

Wenn wir uns erlauben stiller zu werden, gelingt es uns leichter nach innen zu lauschen, hin zu diesem tiefen Ort in uns. Dieser innere Ort ist bedeutsam für uns. Er birgt Wesentliches: Unsere eigenen Wahrheiten, das tiefere Wissen um unsere Stärken und Verletzungen und den angemessenen Umgang damit.

Es ist dieser Ort, den wir aufsuchen, um auszusortieren und zu befinden, was wir als Eigenes annehmen oder was wir verwerfen wollen. Es ist ein Ort, der uns nährt, uns heilen und regenerieren lässt. Die Dunkelheit ist dafür vielmehr eine Notwendigkeit als ein Problem.

Diese Zeilen (von Susann Belz in: Räder des Lebens, Klein Jasedow 2014, S. 63) beschreiben es so treffend:

Um zu entdecken, wer sie ist, muss eine Frau* in ihre eigenen Tiefen hinabsteigen. Sie muss die sichere Rolle der treuen Tochter in der Gemeinschaft um sich rum verlassen und hinabsteigen zu ihren individuellen Gefühlswerten.

Es wird ihre Aufgabe sein ihren Schmerz zu erfahren, den Schmerz ihrer einzigartigen Gefühlswerte, die rufen und drängen, um in ihr aufzusteigen.

Um zu entdecken, wer sie ist, muss eine Frau dem Ort der Dunkelheit vertrauen, wo sie ihrer eigenen tiefsten Natur begegnet und ihr eine Stimme gibt, wo sie die Fäden ihres Lebens in ein Stück Stoff webt, um benannt zu werden.

(*Es gilt für Frauen und Männer gleichermaßen.)

Aus der Quelle schöpfen

Wenn wir so hinabsteigen, die Dunkelheit akzeptierend und erforschend, durchstreifen wir die Landschaften der Seele, die neben unseren Kernfähigkeiten und -werten etwas Wildes, Erdiges und Sinnliches offerieren. Eine solche Reise hat etwas zutiefst Belebendes und Klärendes. Wir lernen uns und unser Wesen zu benennen.

Mit dieser köstlichen Klarheit kommen neue Bilder, die uns Anhaltspunkte darüber geben können, auf welche Weise wir unsere Begabungen einbringen und unsere Werte verkörpern. Und diese inneren Bilder schenken uns neue Kraft.

Es ist eine innere Arbeit, die im Verborgenen („im Dunkeln“, weil kaum sichtbar) geschieht. Wir lernen gerade den Wert und die Bedeutung dieser inneren Arbeit zu ermessen. Erst wenn wir uns die Zeit und die Ruhe dafür nehmen uns selbst zu reflektieren und unser Bild von uns zu aktualisieren, können wir uns orientiert und selbstbewusst in Zeiten wie diesen bewegen und wachsen.

Zwei Teile einer Bewegung

Wir wissen es alle: nach dem Absteigen des Lichtes kommt sein erneutes Aufsteigen. Wir nennen es Frühling. Es ist die Jahreszeit, in der die Natur aufbricht, sich entfaltet und verströmt.

Auch dieser Bewegung folgt die menschliche Natur. Und damit es im Frühling etwas zu entfalten und zu verströmen gibt, braucht es die Reise zur Quelle von Lebendigkeit, Selbstwert und -bewusstheit.