Reife und Mut


14. Februar 2020

Ina Deicke

„Seminare für Reife und Mut“ – dieser Zusatz führt mich immer wieder in interessante Gespräche über Persönlichkeitswachstum, Reifeprozesse und reifes Erwachsensein. Dabei begegnet mir oft die Auffassung, Erwachsensein bedeute, seine Rechnungen bezahlen zu können und Verantwortung zu tragen.

Ich denke: Ja, das gehört dazu, und es ist noch viel mehr. Es käme mir direkt öde vor, wenn das alles wäre.

Woran erkennen wir „reife Erwachsene“? Was unterscheidet sie von anderen Erwachsenen? Und wofür brauchen wir überhaupt psychosoziale Reife?

Schöne Fragen. Wie Einladungen zu vielen Gesprächen, die wir gemeinsam führen sollten. Denn die Art und Weise wie wir Antworten finden, betrifft uns alle im Kern unseres Menschseins.

Der anhaltende Dialog von Natur und Kultur

Seit Anbeginn vollzieht sich die menschliche Entwicklung als ein Dialog zwischen Natur und Kultur. Elemente aus beiden Bereichen haben gleichermaßen das Menschwerden und -sein geprägt. Mit dem Entstehen der westlichen Zivilisation gewannen die kulturellen Einflüsse zunehmend an Gewicht und das Verständnis, als Mensch Teil der Natur zu sein, ist nahezu abhandengekommen. In den modernen Kulturen leben wir von der natürlichen Welt entfremdet.

Mit der wachsenden Entfremdung ist uns der Zugang zu den Bildern der Natur fast verloren gegangen. Wir verstehen Entwicklung heute eher als ein lineares Geschehen und vergessen unser Eingebundensein ins zirkuläre Geschehen der natürlichen Welt. Und genau aus dieser Quelle erhält mensch die Vorbilder für die eigene wie kollektive Entwicklung.

Zum menschlichen Leben gehören Lebensübergänge – nicht nur die biologischen wie Geborenwerden, Fortpflanzen und Sterben. Die geschehen meist ohne unser Zutun. Interessanter sind die initiatischen Übergänge: Lebensphasen, in denen sich der psychospirituelle Schwerpunkt verschiebt. Am deutlichsten spüren wir das in der Jugendzeit und in der Lebensmitte.

Weil wir Menschen natürliche und soziale Wesen sind, begegnen uns in jeder Lebensphase zwei Arten von Entwicklungsaufgaben: Eine Natur- und eine Kulturaufgabe. Die Naturaufgabe führt uns nach innen in die Tiefe der eigenen Persönlichkeit und hin zu einer eigenen Form von Spiritualität. Die Kulturaufgabe fordert uns auf, diese Erfahrungen und Einsichten nach außen zu transferieren, also so umzusetzen, dass sie auch in unserem Umfeld Wirkung entfalten.

Das heißt einerseits, dass diese Entwicklungsaufgaben für jede/n von uns gedacht sind und eine Grundbedingung für gesunden Selbstausdruck bilden. Und andererseits brauchen wir gesunde Formen von Persönlichkeitswachstum, die in das soziale Feld der konkreten Person fließen und dort für Erneuerung und Belebung sorgen. Auch das ist günstigenfalls ein zirkulärer Prozess. Denn durch die Epigenetik wissen wir: Wir sind mehr als unsere Gene. Leben ist wie ein anhaltendes Gespräch zwischen dem vitalen Kern eines Wesens und seinem dynamischen Umfeld.

Entwicklungsaufgaben der Pubertät

Die innere Entwicklungsaufgabe, die zu einer funktionalen (gesunden) jugendlichen Identität führen soll, beinhaltet verschiedene Unteraufgaben wie

  • ein Gespür für sich selbst als eigenständige Person entwickeln
  • die eigenen Fähigkeiten in Besitz nehmen
  • sich mit den Wertvorstellungen der Eltern und der Herkunftsfamilie auseinandersetzen und zu eigenen Werten finden
  • emotionale Fähigkeiten wie Zugang zu den eigenen Gefühlen entwickeln
  • innere und äußere Konflikte lösen lernen
  • die für sexuelle Beziehungen benötigten Fähigkeiten entwickeln
  • sich das Wissen um die wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Natur aneignen
  • ein authentisches soziales Selbst schaffen, das auch als kulturell akzeptabel gilt (äußere Aufgabe).

Für junge Menschen bildet die Gruppe der Peers den wichtigsten Erfahrungsraum. Hier formt sich das soziale Selbst. Es geht um das Erlernen sozialer Akzeptanz und Selbstannahme.

Die Phase der Pubertät gilt als erste existenzielle Krise im Laufe der persönlichen Entwicklung. Es ist von fundamentaler Bedeutung, wie wir diese Phase erleben, welche Vorbilder uns leiten, welche unterstützenden Personen und Infrastrukturen zugänglich sind und welche inneren Beschlüsse wir über uns selbst in dieser Phase (bewusst oder unbewusst) fassen. Was wir erleben und nicht verarbeiten können, wirkt in die nächste Lebensphase hinein und färbt unser Handeln.

OK, was hat das mit Reife und Mut zu tun?

Ich denke: Jede Menge!

Die globale Krise ist eine Reifekrise.

Inwieweit können wir aufrichtig sagen, dass wir persönlich wie kollektiv unsere jugendlichen Entwicklungsaufgaben hinreichend bewältigt haben?

Was genau beobachten wir?

Aktuell beobachte ich viele Dysfunktionalitäten in unserer Kultur, also Denk- und Verhaltensweisen, die eine ungesunde Wirkung entfalten. Ich beobachte zuweilen Menschen in nicht mehr jugendlichem Alter, die noch mitten in den Entwicklungsaufgaben der Pubertät stecken. Und diese Menschen sind weithin sichtbar, weil sie Führungsaufgaben in allen möglichen Bereichen des Lebens innehaben. Ihr Handeln gleicht psychologisch betrachtet dem von Heranwachsenden, die noch kein umfassenderes Verständnis ihrer Selbst und der natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Lebens entwickelt haben.

Wenn ich unsere Lebensweise betrachte, stelle ich fest: Mit unserer Kultur und ihren Grundannahmen von industriellem Wachstum, Leistung, Profitmaximierung haben wir eine Gesellschaft geschaffen, die einen Nährboden für Identitätsverwirrung, Narzissmus, physische und psychische Gewalt, Süchte und materielle Obsessionen bildet.

Wenn ich den Zustand der Welt betrachte, komme ich zu dem Fazit, dass die globale Krise im Wesentlichen eine Reifekrise ist.

Krise bezeichnet ein Geschehen mit offenem Ausgang. Denn psychologisch betrachtet kann Reifen verweigert werden. Der Mensch kann das. Menschen können den Zustand der Welt und ihren eigenen Zustand verleugnen, sich entfühlen, betäuben, abwesend sein, manipulieren, zerstören.

Reife und Mut für uns selbst und nachfolgende Generationen

Wenn wir als Erwachsene mehr Erfahrungswissen und Autorität für uns beanspruchen, sind wir auch gerufen, mehr Übersicht und Mitverantwortung walten zu lassen. Das heißt, wir müssen uns auch erwachsen verhalten. Ansonsten diskreditieren wir uns selbst.

Um einen wirklichen Wandel zu ermöglichen, sind wir gerufen, unsere Rolle als Menschen auf diesem Planeten neu zu definieren: Wer wollen wir sein? Zerstörer? Mitschöpfer? Aus meiner Sicht ist das der notwendige organisierende Dialog, der initiiert werden will.

Und weil fundamentale Veränderungen Widerstand hervorrufen, brauchen wir auch ein tieferes Verständnis für und einen reiferen Umgang mit diesen Dynamiken.

Und für all das brauchen wir mehr Reife und Mut.

Als echte Erwachsene sind wir gerufen, die eigenen Entwicklungsprozesse in Gang zu bringen und lebendig zu halten. Besonders in der LEBENSMITTE erhalten wir die Chance, sich persönlichem Reifen zu öffnen. Das ist auch ein Akt der Selbstliebe.

Wenn wir unseren Kindern etwas wirklich Wertvolles mitgeben wollen, sollten wir uns unseren eigenen Reifeprozessen stellen. Es erfordert Mut, und es schenkt mehr Mut, Selbstverständnis, Authentizität und Kreativität.

Reife Erwachsene erkennen wir daran, dass sie sich diesen Entwicklungsaufgaben gestellt haben:

  • die Verhaftung an die jugendliche Identität aufgeben
  • Entwicklungsaufgaben früherer Lebensphasen vollenden
  • Abhängigkeiten lösen
  • alte Wunden heilen
  • Authentizität über soziale Akzeptanz stellen
  • Frieden schließen
  • die Beziehung von Natur und Seele erkunden
  • sich den Fragen der Seele öffnen
  • sich Klarheit über den Kern der eigenen (Seelen-)Aufgabe verschaffen, geeignete Umsetzungssysteme entwickeln und diese Arbeit in den Dienst am Leben stellen

Insofern können wir Reife und Mut messen.