Schwellenzeiten


09. Mai 2019

Ina Deicke

Das, was zählt, hängt davon ab, was in uns selbst lebt – woraus wir tief aus uns selbst schöpfen.

Es sind diese tieferen Quellen, die unseren Wesenskern und unser inneres Wissen nähren.

Wie kommen wir damit in Kontakt? Wie gelingt es, dieses innere Wissen aufsteigen zu lassen?

Schwellenriten

Es gibt Riten (oder Methoden), die so alt sind wie die Menschheit selbst. Sie sind aus allen Kulturen dieser Erde bekannt und ähneln sich in ihrer Grundstruktur, auch wenn es kulturell bedingte Ausschmückungen gibt. Wir nennen sie Schwellenriten oder Schwellenrituale. Genau betrachtet sind es Zeremonien, die uns helfen, inneres Wissen aufsteigen zu lassen – sich bewusst zu werden. Damit bekommen sie Relevanz für unser aktuelles Sein.

Die modernen Wissenschaften – Psychologie, Neurowissenschaften, Kognitionsforschung – haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten unterschiedliche Modelle dafür entwickeln, die beschreiben, was während der Schwellenriten in uns, um uns und durch uns passiert. Die Psychologie arbeitet mit Varianten des Selbst-Konzeptes, die Neurobiologen dokumentieren unsere Gehirnaktivitäten, die Kognitionsforscher steuern Modelle bei, die abbilden, wie wir den Weg vom Unbewussten zum Bewussten beschreiten, wie wir Bedeutung geben …

Ich finde das wirklich wichtig, denn diese unterschiedlichen Annäherungsweisen und Forschungsperspektiven helfen innere Prozesse abzubilden, die sich dem Alltagsbewusstsein schwerlich erschließen.

Wir brauchen diese Forschung, und wir brauchen individuelle und kollektive ERFAHRUNGSRÄUME für uns selbst.

Wir können auf dem Mond landen, doch wir beginnen gerade erst zu erahnen, was MENSCHSEIN tatsächlich bedeutet.

Schwellenzeiten

Schwellenzeiten nennen wir Phasen im Leben, die unsere Aufmerksamkeit in einem vielschichtigen inneren und äußeren Geschehen binden.

Oft bemerken wir zuerst, dass das Leben nicht mehr rund läuft. Es fühlt sich fade an, innige Freude und Lebendigkeit machen sich rar. Müdesein, Angespannung, Gereiztheit, Frustrationen treten stattdessen häufiger auf. Sinnfragen beschäftigen uns. Und wenn Mensch hier nicht wach wird, meldet sich bald der Körper mit somatischen Botschaften.

Das ganze Geschehen ist eine große Einladung des Lebens innezuhalten, zu spüren und tiefer zu schauen. In unserer Kultur ist diese reife Art zu antworten eher selten. Uns fehlen (noch) die weisen Vorbilder für klügeres Handeln in solchen Momenten. Wir sind es eher gewohnt, den Alltag darüber zu legen.

In Schwellenzeiten will etwas in uns aufsteigen. Unser inneres Wissen klopft an. Allerdings kommen die Botschaften nicht in klaren Worten oder schlüssigen Sätzen. Sie kommen durch diffuse Gefühle und symbolische Zeichen. Das braucht Übersetzungsarbeit in unser rationales Verständnis.

Das, was anklopft, kann auch gefährliche Wahrheiten enthalten. Gefährliche Wahrheiten sind solche, die in der Konsequenz betrachtet dazu führen, dass ich mich und mein Leben hinterfrage und verändere.

Wenn wir bemerken, dass wir uns ablenken, betäuben, uns selbst manipulieren, nicht mehr fühlen, dann haben wir Strategien entwickelt, die uns helfen, den „Deckel drauf“ zu lassen. Wir blockieren aktiv einen Bewusstwerdungsprozess. Die persönlichen Strategien können sehr vielfältig sein. Auch das „sich um andere/s kümmern müssen“ zählt als weit verbreitete Vermeidungsstrategie dazu.

Das Leben will, dass wir wachsen. Es will, dass wir die jeweils kühnste und freudvollste Version von uns selbst finden und einbringen. Wenn wir uns nicht freiwillig bewegen, schubst uns das Leben voran.

Wenn wir also bemerken, wie wir ringen, wenn wir spüren, dass neue Aspekte wahrgenommen und erforscht werden wollen, ist es klug, absichtsvoll für eine bestimmte Zeit Ruhe zu schaffen und die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken.

Schwellengang: Retreat and reflect

Die wirksame Methode für konzentrierte Innenschau nennen wir Schwellengang. Schwellengänge sind rituelle Naturübungen in kompakter Form und genau dafür gedacht, sich dem zu nähern, was da ins Bewusstsein drängt.

Der beste Schauplatz für diese rituelle innere Erkundung ist die wilde Natur. Sie wirkt wie ein Spiegel: Das Äußere spiegelt das Innere. Die äußere Natur schenkt uns Bilder, die uns helfen, das innere Geschehen zu beschreiben und zu benennen. Erst was sich benennen lässt, kann sich wandeln.

Weil jeder Mensch einzigartig und gleichzeitig eingebunden in ein natürliches Ganzes ist, findet wirklich jede/r da draußen, was sie oder er braucht für den eigenen Prozess.

So helfen Schwellengänge Bewusstseinszustände zu schaffen, in denen sich Aspekte des Selbst und der Seele enthüllen können.

Wer diese einfache und effektive Methode, sich Zugänge nach innen zu öffnen und aus der tieferen Quelle zu schöpfen, einmal erlernt hat, kultiviert sie oft langfristig und genießt die selbststärkende, klärende Wirkung.

Hier geht es zur Schwellenzeit 2019