Plädoyer für mehr Seele


19. Mai 2020

Ina Deicke

Wenn ich den Zustand der Welt betrachte und auf mich wirken lasse, komme ich immer öfter zu dem Schluss: Wir brauchen mehr Seele.

Ist nicht genau dieser Zustand ein Resultat entseelten Handelns?

Ist nicht die psychosoziale Lage in unserem Land ein Ausdruck von blockierten Zugängen zur Seele?

Ist nicht die Klimakrise ein Ausdruck unserer Entfremdung vom Urgrund des Lebens, von Natur und damit von der eigenen Menschenseele?

Wie ich Seele verstehe

Ich verstehe Seele als unsere wahre Natur, die tiefere Essenz dessen, wer wir sind mit unseren Kernfähigkeiten, tieferen Werten, innigsten Absichten – der natürlichste und lebendigste Teil in uns.

Damit beschreibt Seele einen individuellen Wesenskern, der von schützenden Schichten umhüllt ist, die letztlich unsere Persönlichkeit formen. Doch unsere Persönlichkeit ist nicht unsere Seele. Bestenfalls fungiert eine authentische, gereifte Persönlichkeit als eine Art Umsetzungssystem für Seelenausdruck.

Wenn wir die Seele als unser wahres inneres Wesen begreifen – die Idee dessen, wofür wir gemeint sind – wird deutlich, dass wir tiefer schürfen müssen, weil wir es nicht mit etwas Offensichtlichem zu tun haben.

Da die Beziehung unserer Kultur zur Seele widersprüchlich ist, erhalten wir widersprüchliche Botschaften darüber, wie wir Seele auffassen können.

Deshalb scheint mir eine weitere Begriffsklärung angemessen. Weil der wissenschaftliche Diskurs anhält, habe ich mir für mein Arbeiten an die Tiefenpsychologie angelehnte alltagspraktische Definitionen geschaffen.

Das Ego, die Seele, das Selbst

Das Ego oder das Ich verstehe ich wie ein „Gefäß“ für das eigene Leben. Es ist unsere Wirklichkeitsfunktion (S.Freud), die uns hilft unseren Alltag zu meistern. Das Ego schafft eine Grenze zwischen uns und allem anderen und lässt uns gleichzeitig mit der Welt in Verbindung bleiben. Das Ego ermöglicht es, dass wir uns in die Welt einfügen und sie verändern können.

Soziale und politische Theorien (z.B. in der Literatur zu Management, Arbeitswelten, Erziehung, sozialen Systemen) konzentrieren sich auf ein gesundes Ego und klammern Seele und Selbst aus. Auch viele Bereiche der Psychologie behandeln nur Ich-Belange und Ego-Entwicklung. Das ist weder gut noch schlecht, es beschreibt nur, was betrachtet wird und was nicht.

Die Seele ist (nach C.G. Jung) unsere wahre Natur, die tiefe Essenz dessen, wer wir sind. Die Seele fordert uns auf zu wachsen, unsere Einzigartigkeit zu entwickeln, das Tiefe und Unbewusste in uns zu akzeptieren und mit Vertrauen in die Welt zu blicken.

A.Maslow beschreibt in der Ego-Seelen-Dynamik den in die menschliche Natur eingebetteten existenziellen Konflikt zwischen den Kräften, die unser Ego verteidigen, und den Kräften, die uns wachsen sehen wollen.

Aus der Verbindung von Ego und Seele geht das Selbst hervor. Es wirkt als Vermittler der Seele: Wir wissen, wer wir sind und haben ein Gefühl und einen Ausdruck echter Identität erreicht (Selbstausdruck). Wir integrieren nach und nach die disparaten Anteile unserer Psyche und erleben Integrität und Ganzheit. Wir haben unsere Gabe/unsere Aufgabe erkannt und finden angemessene Möglichkeiten (Umsetzungssysteme) uns in die Welt hinein auszudrücken und einen Beitrag zum Leben zu leisten, den NUR wir leisten können.

Wofür wir mehr Seele brauchen

Komprimiert ausgedrückt: Wir brauchen Seele und Wege zur Seelenbegegnung, um unser evolutionäres Potenzial zu entfalten.

Gehe hinaus und frage Menschen nach ihrer tiefsten Sehnsucht … und höre wach und mit offenem Herzen zu. Es gibt ein Muster in diesen Geschichten.

Wir sehnen uns danach, das eigene Wesen zu entdecken, unsere eigene Art der Zugehörigkeit zu dieser Welt zu finden und die Gabe, mit der wir geboren wurden, einzubringen.

Ebenso stark wie dieses Sehnen ist unsere Angst zu finden, wonach wir suchen. Wir ahnen, dass dies unseren Wunsch nach Sicherheit und Bequemlichkeit erschüttern und unser Leben gründlich verändern würde.

Tief im Inneren spüren wir, dass wir uns selbst verleugnen, wenn wir dieses Sehnen ignorieren, und wir in einem fremdbestimmten, viel zu engem Leben hocken bleiben. Wir spüren diesen ungelösten Konflikt und wir hoffen, dass ihn jemand von höherer Macht auf elegante und schonende Weise für uns lösen möge.

Doch so läuft das leider nicht.

Also suchen wir nach einer Art Ausweg frei nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Wir suchen Ärzte auf, wenn die Psyche somatisiert. Wir erhoffen von Psychotherapeuten, dass sie unsere emotionalen Wunden versorgen. Wir suchen in Religionen nach Seelenheil. Wir erreichen einige Fortschritte, doch das große Sehnen bleibt. Auch wenn wir uns noch so anstrengen, hart arbeiten, aufsteigen, Familien gründen, Häuser bauen, uns erschöpfen, uns durch Konsumieren trösten, uns betäuben – auf diese Art erfüllt sich unser tiefstes Sehnen nicht.

In den Mythologien der Welt finden wir zahllose Geschichten über die Reise zur Seele. Sie beschreiben das Hinabsteigen der Held*innen in die Tiefen der Unterwelt (siehe Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, Frankfurt am Main 1999).

Diese Geschichten zeigen, dass Seelenbegegnung für jede/n von uns gedacht ist, denn Heilung geschieht nur auf tiefster Ebene und in einer Weise, die uns befähigt unsere erwachsene Authentizität und Einzigartigkeit auszudrücken und unseren besonderen Platz in der Welt einzunehmen.

Der Archetyp der Heldenreise

Die Heldenreise (auch Monomythos oder Quest genannt) beschreibt einen Weg der Seelenbegegnung. Die mythischen Held*innen stehen gleichsam für dich und für mich, für Menschen mitten im alltäglichen Leben.

Die Reise beginnt mit dem Entschluss und der Vorbereitung. Wir brauchen unsere ganze Kompetenz, unseren Mut, unsere Menschlichkeit, um gegen die Zweifel und Hindernisse zu bestehen.

Dann brechen wir auf und verlassen das Bekannte und Alltägliche: das Zuhause, die sozialen Rollen, das bisherige Selbstverständnis. Wir betreten unbekanntes Terrain.

Wir erreichen eine Schwelle, die unsere Alltagswelt von der tieferen numinosen Seelenwelt trennt. Oft wird diese Schwelle, dieser Übergang, von einem Schwellenwächter bewacht, der die Ernsthaftigkeit unserer Absicht prüft. Das ist ein wichtiger Moment der Reise und soll den Wechsel der Bewusstseinsebenen unterstützen.

Wir reisen, so Campbell, durch „eine Welt unbekannter und doch seltsam vertrauter Kräfte“. Sie stehen für unsere bislang abgewehrten Anteile und Aspekte.

Im tiefsten Moment der Reise erwartet uns eine außergewöhnliche Erfahrung: der „Tod“ des Egos oder das „Sterben“ eines alten Mythos (einer alten Geschichte über uns selbst), also etwas, was dem alten Selbstbild ein Ende bereitet und uns, wie zur Belohnung, für die Begegnung mit der Seele öffnet.

Das Entdecken von Seelenkräften wird auf verschiedene Weise erfahren. Im Mythos wird dieses verwandelnde Moment durch das Erhalten eines Schatzes, Elixiers oder heiligen Gegenstands symbolisiert. In jedem Fall führt es dazu, dass wir in weitaus bewussterer Übereinstimmung mit der Seele als zuvor in die Alltagswelt zurückkehren.

Indem wir lernen unsere Seelenkräfte zu verkörpern, wird die Welt innerlich wie äußerlich erneuert: Unser Weltbild erweitert sich, unser Platz darin verändert sich und wir wissen um unsere heilige Aufgabe, mit der wir unsere Gemeinschaft bereichern.

Darüber hinaus haben wir erfahren, was es bedeutet, dem Ruf der Seele zu folgen und werden ihre Stimme fortan freier hören können … und erneut aufbrechen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Die drei Phasen der Reise entsprechen den Phasen der psychologischen Entwicklung des Menschen: Wir entwickeln das Ego, dann begegnen wir der Seele und schließlich bringen wir unser einzigartiges Selbst hervor – immer vorausgesetzt, wir treten diese Reise an.

 

 

Wie wir uns der Seele öffnen

Die wirksamsten Wege zur Seele öffnen sich im Zwiegespräch mit der Natur. Dabei ist die äußere Wildnis Schauplatz und gleichzeitig Spiegel unserer inneren Wildnis – jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen. Der Spiegel der Natur lässt uns erfassen, was sich dem Bewussten noch entzieht. Wenn wir bereit sind, uns diesen Kräften zu öffnen, antwortet die Seele in der ihr eigenen Weise.

Natur und Seele bedingen einander und sprechen auf sehr ähnliche Art vom Wesen einer Sache – sei es ein Baum, ein Tier oder eine Person. Die Natur braucht uns in unserer Seelenverkörperung, damit die Welt ganz – vollständig – zum Ausdruck kommt. Und unsere Seele verlangt nach einer Welt, in der sich Natur vollständig und verschiedenartig verkörpern kann.

Was kostet es uns die Seele zu ignorieren?

Ich denke, ein wesentlicher Teil der Kosten liegt bereits auf dem Tisch. Wir können berechnen, was uns die globale Krise, die ich als Krise des Menschseins verstehe, tagtäglich kostet. Allein die Berichte zur psychosozialen Lage in Deutschland erzählen ihre eigene Geschichte. Und diese gehört verknüpft mit den Geschichten von seelischer Verfasstheit in den Bereichen von Wirtschaft, Gesundheit, Öffentlicher Sektor und Verwaltung, Landwirtschaft, Erziehung und Bildung, Führung, Politik, Kultur …

Ich gehe davon aus, dass es Modelle gibt, anhand derer sich berechnen lässt, wie sich diese Kosten in die Zukunft hinein fortschreiben. Doch Zahlen allein bilden niemals die umfassendere Wirklichkeit ab.

Jede/r kann für einen Moment innehalten und sich vorstellen, wie eine anhaltende Blockierung von Seelenqualitäten in unser aller Leben wirken würde und welche materiellen und immateriellen Folgen das ergäbe.

Wenn ich den aktuellen Zustand der Welt als eine kollektive Entwicklungskrise betrachte, sehe ich die Herausforderungen UND die Gelegenheiten. Niemand hindert uns, die Chancen zu ergreifen. Und weil ich gelernt habe das Hinabsteigen zu begleiten und diese Aufgabe mich gefunden hat, nehme ich meinen Platz an der Schwelle ein … und erwarte dich dort.

Das kann dich unterstützen ein gesundes Ego zu entwickeln und dich auf die Begegnung mit der Seele vorzubereiten:

  • emotionale Wunden heilen
  • persönliche Bindungen entwickeln
  • sich tiefen Gefühlen öffnen, sie fühlen und ausdrücken lernen
  • Einfühlungsvermögen entwickeln
  • Vertrautheit mit der natürlichen Welt anbahnen
  • Achtsamkeit und Präsenz üben
  • Authentizität kultivieren
  • ergänzend zum Denken: die wilde Vorstellungskraft nähren, sich der Intuition öffnen, die Wahrnehmung verfeinern, Hinspüren

Die Reise

Eines Tages wusstest du schließlich,
was du zu tun hattest, und du begannst,
obwohl die Stimmen um dich herum
ihren schlechten Rat 
weiterschrien –
obwohl das ganze Haus
zu zittern begann
und du das alte Zerren
an deinen Fußgelenken spüren konntest.
„Bring mein Leben ins Reine!“
schrie jede Stimme.
Doch du bliebst nicht stehen.
Du wusstest, was du tun musstest,
obwohl der Wind
seine steifen Finger
ins Fundament selbst steckte,
obwohl ihre Schwermut
furchtbar war.
Es war schon spät genug, und eine wilde Nacht,
und die Straße voller 
herabgefallener Äste und Steine.
Doch während Du die Stimmen zurückließt,
begannen die Sterne,
einer nach dem anderen
durch die Wolkendecke hindurch zu leuchten,
und da war eine neue Stimme,
die du langsam
als deine eigene erkanntest,
die dich begleitete,
als du tiefer und tiefer
in die Welt hinein schrittest,
fest entschlossen,
das einzige zu tun, was du tun konntest –
fest entschlossen, 
das einzige Leben zu retten, das du retten konntest.

Mary Oliver