„Jeder von uns hat in sich einen Helden, aber wir sind uns dessen nicht immer bewusst. Der Held im Inneren ist meist am Schlafen. Wir haben die Aufgabe, ihn zu wecken.“

Carol S. Pearson

 

Wie kommt es, dass wir heute auf nie gekannte Weise leben und doch fühlt sich das Leben für viele Menschen leer oder sinnlos an? Was wäre, wenn wir diesen Zustand überwinden können, indem wir die Helden in uns zu wecken?

Helden wecken

Im Laufe des Lebens bewegen wir uns durch Wachstums- oder Reifungsphasen. Wir nennen wir diesen Prozess Individuation: Uns enthüllen sich die eigenen Qualitäten, Werte, Haltungen, innigsten Absichten; im besten Fall werden wir uns dessen bewusst. Das heißt, wir erkennen, wer wir sind und was uns ausmacht. Daraus leiten wir Schlüsse über unseren Platz in der Welt und unseren Lebenssinn ab.

Dieser Prozess verläuft weder gleichmäßig noch anfänglich bewusst. Es gibt Phasen von Zufriedenheit und Erfülltsein, und es gibt andere Phasen von Ödnis, Zweifel, Sinnlosigkeitsempfinden. Und hier wird es interessant.

Die Zeiten der großen Fragen an sich selbst und das Leben sind die Einladungen des Lebens zu wachsen – den Prozess der Selbstwerdung zu nähren.

Leider lernen wir davon nichts in der Schule und es gibt nur wenige Mentorinnen und Mentoren für diese Passagen der Lebensreise. Wir bleiben womöglich auf unseren Fragen hocken, in einem viel zu engem Leben stecken und verfallen in eine Geschichte, die von unserer Ausweglosigkeit und Frustration erzählt. Oder wir wecken die Heldinnen und Helden in uns, brechen auf und suchen.

Die Suche fordert uns heraus. Sie ist beschwerlich, voller Irrungen und Wirrungen, Hindernisse und Gefahren. Und gleichzeitig wird sie uns beleben, beglücken, befreien.

Helden – Archetypen – Mythos

Im Laufe der Jahre, in denen ich Menschen in Entwicklungsphasen begleite, ist mir deutlich geworden, wie weit sich unsere Kultur von Wegen und Praktiken entfernt hat, die diese Suche begrüßen, wertschätzen und unterstützen. Deshalb ist es mir ein Anliegen Bilder zu aktivieren und zu teilen, die in unserem kollektiven Unbewussten zu Hause sind: Archetypische Bilder.

Sie sind da, ob wir sie aktivieren oder nicht. Wir erzählen davon in Geschichten, Büchern, Filmen, Kunstwerken, Legenden, Mythen, ob wir sie begreifen oder nicht. Archetypen gehören zum Menschsein, weil sie unsere Psyche formen und in Balance halten. Sie helfen, unser Ich zu bilden, uns mit der Seele zu verbinden, ein Gefühl für unser Selbst zu entwickeln. Sie nähren uns in den kritischen Phasen unserer Lebensreise, wenn sich Sinn und Bedeutung (der psycho-spirituelle Schwerpunkt) unseres Lebens verschieben.

Helden sind Menschen wie du und ich mitten im täglichen Leben mit Höhe- und Tiefpunkten und mit Hoffnungen, Absichten, Sehnsüchten.

Die Heldenreise ist ein archetypisches Bild für den Weg der Selbsterkundung und Bewusstwerdung. Erzählungen davon liefern uns die Mythen aus allen Ecken der Welt und allen Zeiten. Joseph Campbell, ein Mythenforscher (Der Heros in tausend Gestalten), hat sie ergründet, eine Grundstruktur gefunden und zu einem Monomythos verdichtet: Eine Erzählung über das Abenteuer von Entwicklung und Bewusstwerdung.

Phasen der Reise

Die Reisen von Heldinnen und Helden verlaufen entlang dieser Grundstruktur: Vorbereitung – Reise – Rückkehr.

Wir kennen das aus den Märchen, die ja nichts Geringeres als Initiationserzählungen sind: Die Heldin lebt an einem Ort in einem Königreich und verrichtet alltägliche Dinge (Vorbereitung). Das Königreich ist in Gefahr, manchmal sind schon andere Helden ausgezogen, um das Reich zu retten – und gescheitert. Jetzt ist die Heldin dran (Aufruf). Sie muss aufbrechen, in die Ferne reisen, um eine rettende Mission auszuführen (Reise). Nach ihrer Rückkehr verwandelt sie das Königreich in der einen oder anderen Weise.

Unter den verschiedenen Ausschmückungen verbirgt sich der Individuationsprozess: Die Vorbereitung beschreibt den Prozess der Ich-Werdung. Wir brauchen ein stabiles Ich für das Abenteuer der Reise. Die Sehnsucht, die uns phasenweise umtreibt, ist der Aufruf dazu. Die Reise beschreibt die Annährung an und zuweilen Begegnung mit der Seele – das Erfassen der eigenen Kernqualitäten, Werte und innigsten Absichten. Mit dieser Essenz geht es nach der Rückkehr ans Erneuern des eigenen Lebens.

Archetypen als Begleiter

Archetypische Bilder können die Reisenden begleiten und nähren.

Im Laufe der nächsten Blogbeiträge stelle ich zwölf seelische Archetypen vor, die uns bildhaft unsere Lebensthemen und -aufgaben spiegeln und Hinweise geben, wie seelenorientiertes Leben gelingen kann. Diese Archetypen begleiten uns auf dem Weg zu uns selbst.

Ich stütze mich dabei auf die Arbeit von Carol S. Pearson: Die 12 seelischen Archetypen. Nach und nach lernst du die Unschuldige, den Verwaisten, die Kriegerin, den Geber, die Suchende, den Zerstörer, die Liebende, den Schöpfer, die Herrscherin, den Magier, die Weise und den Narr kennen. Jeder Archetyp überbringt eine Botschaft und ein Geschenk.

Es gibt noch mehr Archetypen und es gibt Ausdifferenzierungen der oben genannten. Diese zwölf Begleiter sind zentral für unser Werden, unseren Selbstausdruck. Die Heldin und die Reise sind ebenfalls archetypische Bilder.