Wildnis und Seele


29. Juli 2018

Ina Deicke

Was bedeutet „wild“ für dich? Was fühlst du, wenn du dir „Wildnis“ vorstellst? Welche inneren Bilder steigen auf? Und was wispert deine Seele?

Wenn Wildnis auf dich wie ein Ort wirkt, der frei genug ist, seinen eigenen natürlichen Gesetzen zu folgen und dir als ein zauberhaftes Chaos verschiedener Qualitäten erscheint – was in dir ist selbst so?

Wenn Wildnis dich erschaudern und zögern lässt oder deine Bedenken nährt – was in dir erschaudert?  Was genau lässt dich zögern?

Und was bedeutet Seele? Dieses unsichtbare Etwas, das, wenn wir es ignorieren, ernsthaft zu rebellieren vermag?

Die ganze Welt

Was wir als Welt erleben, ist ein dynamisches, zyklisches Geschehen, eine fortlaufende Bewegung, die nicht mal im Sterben Stillstand kennt.

Als Goethe formulierte: „Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“, fand er eine poetische Beschreibung für ein Phänomen, dass die Wissenschaft „Entropie“ nennt: die Tendenz vom Werden zum Erblühen zum Verfall – ein allumfängliches Geschehen, dass uns Menschen mit Verlangen zum Beständigen an mentale Grenzen zu bringen vermag.

Doch wie orientieren wir uns im fließenden Geschehen, in Veränderungen? Wie finden wir eigene Antworten auf die innigsten menschlichen Fragen?

Psychologen nennen es das Selbst.

Das Selbst wird als eine innere Instanz beschrieben, die nahezu alles beherbergt, was wir erfahren haben, und die genau weiß, was gut für uns ist. ALLERDINGS: Das Selbst braucht absolute Ruhe, um gut arbeiten zu können.

Manchmal bin ich fasziniert von der Fülle der Begriffe um das Selbst: Selbstliebe, Selbstachtsamkeit, Selbstverständnis, Selbstbestimmung, Selbstermächtigung, Selbstkontrolle, Selbstwirksamkeit, Selbstführung, Selbstentwicklung, Selbstbehauptung, Selbstverantwortung, Selbstoptimierung, Selbstmanagement …

Irgendetwas hat es offenbar auf sich mit dem Selbst.

Das Selbst als Vermittler

Ich verstehe das Selbst als eine Art Vermittler zwischen dem tiefsten Inneren – der Seele – und der Alltagswelt.

Die Seele ist der lebendige, wilde, geheimnisvolle Kern des individuellen Selbst, eine Art Wesensessenz, die tief unter den Schichten einer Persönlichkeit liegt. Diese Wesensessenz begründet die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Sie spiegelt die originären persönlichen Eigenschaften und Kernfähigkeiten, sozusagen das Herz der Persönlichkeit, wider.

Bill Plotkin beschreibt die Seele als das „heilige Reich unserer innigsten Absichten, unserer einzigartigen Bedeutung und unseres letztendlichen Lebenssinns“.

Im Spiegel der Natur

Weil wir Menschen ein Teil der Natur sind, bietet uns die Wildnis den wichtigsten Schauplatz für die Reise zur Seele.

Die äußere Natur wirkt dabei wie ein Spiegel unserer inneren Wildnis – der Seele als jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen. Die äußere Natur lässt uns erfassen und erfahren, was uns durch einen mental-kognitiven Zugang oft verborgen bleibt: unsere innere Natur in ihrer Fülle und in ihrer Werdensabsicht.

Wildnis und Seele hängen nicht nur von einander ab, sie sehnen sich gewissermaßen nach einander. Wir brauchen die äußere Natur, um unsere innere Natur zu erkunden. Und die äußere Welt braucht uns in unserem vollen Seelenausdruck, denn ohne diesen wäre die Welt nicht gänzlich ausgedrückt, nicht vollständig.

Eine Reise in die Wildnis der Seele gehört also zum Menschsein dazu. Sie fördert unseren gesunden Selbstausdruck, indem wir unserer Tiefe und Einzigartigkeit, unserer Gaben und Talente gewahr werden und sie auszudrücken lernen. Insofern können wir eine solche Reise heilig – im Sinne von heilend – nennen.