Initiation – brauchen wir das wirklich?


17. Oktober 2019

Ina Deicke

In Gesprächen beobachte ich zuweilen, dass das Wort „Initiation“ Irritation auslöst: Vorstellungen von etwas Geheimnisvollen, vielleicht sogar Okkultem, tauchen auf. Oder Gedanken an alte Riten, die bestenfalls noch von „Naturvölkern“ praktiziert  werden. Und schon kommen jede Menge Emotionen ins Spiel … Nein, echt jetzt – brauchen wir das wirklich?

Beginnen wir mit der Wurzel: Initiation leitet sich vom Lateinischen „initium“ ab und bedeutet Anfang, Eingang, Ursprung. Das Verb „initiare“ (beginnen) lässt sich zurückführen auf „īre“: gehen. Das Wort „in-īre“ steht für hineingehen, anfangen, beginnen.

Bei Wikipedia erfahren wir u.a., dass Initiation „die Einführung eines Außenstehenden in eine Gemeinschaft oder den Übergang in einen anderen persönlichen Seinszustand (Status)“ meint.

Für mich bedeutet Initiation das Hineinwachsen in eine neue Kondition des Seins.

Damit setze ich Initiationsgeschehen in den Kontext von Veränderung. Zu den persönlichsten Veränderungen im Leben gehören die Lebensübergänge. Und die haben wir am laufenden Band:

Geborenwerden, Schuleintritt, Verlassen der Kindheit und Eintreten in die Phase der Adoleszenz, Schule verlassen, Berufswahl, Übergänge in verschiedene Ausbildungskontexte, Berufseinstieg, Wahl des Lebensortes, Partnerschaften beginnen bzw. beenden, sich fester binden, Eltern werden, Berufswechsel mit oder ohne Wohnortwechsel, sich trennen, Lebensmitte, Verluste erleiden und akzeptieren lernen, sich nach Krisen ganz neu orientieren … vom Ausscheiden aus dem Berufsleben, vom Altern und Sterben ganz zu schweigen.

Sich selbst aktualisieren

All das ist verbunden mit jeweils neuen Konditionen des Seins, in die wir hineinzuwachsen haben – zuerst von innen her. Das heißt, wie sind gerufen, das Bild von uns selbst zu aktualisieren.

Bei jedem Eintreten in eine neue Kondition des Seins schwingt die Frage mit: Wer bin ich jetzt, wenn ich das Bisherige so nicht mehr bin?

Erst durch den Prozess des „Hineingehens“ in einen neuen persönlichen Seinszustand bekommen die noch ungeklärten Fragen für das Bild von sich selbst Bedeutung: Wer bin ich, wenn ich kein Kind mehr bin? Wer bin ich, wenn ich neu in die Arbeitswelt eintrete? Wer bin ich, wenn ich eine Führungsaufgabe übernehme? Wer bin ich, wenn ich den Verlust eines geliebten Menschen verkraften lernen muss? Wer bin ich als Mutter, als Vater? Wer bin ich, wenn ich meine Kräfte erschöpft habe und mich ausgebrannt fühle? Wer bin ich, wenn ich entdecke, dass ich für ganz fremde Ziele gearbeitet habe? …

Es ist von Bedeutung, inwieweit sich eine Person dieser Fragen bewusst ist, und dann ist es relevant, wie sich jemand den eigenen Antworten nähert.

Menschen, die sich bewusst in einen neuen Seinszustand hineinbewegen, setzen sich mit ihrer Persönlichkeit und ihrer Entwicklung auseinander. Im Prozess des Übergangs lösen sie sich von alten Geschichten von sich selbst und wachsen absichtsvoll in neue, passendere Versionen hinein.

Das ist weniger ein kurzzeitiger linearer als vielmehr ein über Jahre anhaltender zirkulärer Prozess, in dessen Verlauf die neue Geschichte verkörpert wird. Wer es also „eilig“ hat, sollte sich einer wirksamen Prozessbegleitung versichern.

So betrachtet scheint es, als brauchen wir Initiationsprozesse heute dringender als je. Doch wie macht mensch das mit der Initiation? Wo gibt’s das und wie geht das?

Es gibt kein Neubeginnen ohne Übergang.

Aus gutem Grund gelten Übergangs- oder Initiationsriten als wichtigste kulturelle und soziale Leistung einer Gesellschaft.

Ihr Sinn und Zweck ist es, die Phasen des Dazwischenseins durch einen begleiteten Prozess zu strukturieren und Reflexions- und Selbsterfahrungsräume zu öffnen. Damit helfen Passageriten in kritischen Zeiten auf eine stärkende Weise die Verbindung zum eigenen Selbst zu erneuern. So innerlich geklärte Menschen haben mehr psychische Energie für das Neue zur Verfügung. Daher bewegen sie sich orientierter und kraftvoller in ihren jeweiligen sozialen Feldern (Familie, Arbeitsumfeld, Freundeskreis …).

Übergangsriten und Initiation

Das Wissen über die Übergangs- oder Passageriten verdanken wir dem Ethnologen Arnold van Gennep. In seiner Forschung stellt er u.a. fest, dass es in allen Kulturen dieser Erde ein ähnliches Erfahrungswissen gibt: Weil diese Übergänge als potenziell gefährlich gelten, ist es für jede Gesellschaft notwendig rituelle Bewältigungsszenarien zu entwickeln.

Damit sichern Passageriten den ungeschützten, undefinierten Zustand zwischen dem Alten, das nicht mehr trägt, und dem Neuen, das noch nicht trägt, ab.

Van Gennep analysierte die Strukturen von Übergangsriten weltweit vor allem anhand der Untergruppe der Initiationsriten nicht-industrialisierter, segmentärer, indigener Gesellschaften.

Daraus erarbeitete er ein Drei-Phasen-Modell, dem alle Übergangsriten prinzipiell folgen:

  • Ablösungsphase (Separation)
  • Zwischenphase (Liminalität): undefiniert und für den Einfluss irritierender Kräfte besonders anfällig
  • Integrationsphase (Inkorporation): die neue Identität wird verkörpert

Moderne Initiationsriten wie die Visionssuche zeichnen diese Grundstruktur nach. Sie ermöglichen das Herauslösen aus dem Alltag, Reflexion und Feedback, sie fordern zum Einsatz der eigenen Kräfte und Fähigkeiten heraus und unterstützen beim Erproben der neuen, reiferen Version von sich selbst.

Gleichzeitig erfüllen sie ein zutiefst menschliches Bedürfnis: Unsere Psyche sehnt sich nach Vollendung i.S.v. etwas beenden, abschließen, vervollständigen zu können. Unsere Psyche will, dass wir einen „Punkt setzen“, eine „neue Seite aufschlagen“, ein „neues Kapitel beginnen“. Und dafür braucht die Psyche uns ganz körperlich. Es ist wichtig, dass es getan i.S.v. erfahren wird.

Gedanken sind flüchtig, doch eine Erfahrung ankert neuronal, emotional UND körperlich.

„Gehe in die Wildnis, segne dich selbst und erfahre, was getan werden muss.“*

In zwei Aspekten unterscheiden sich die modernen Varianten von den ursprünglichen Riten: in der Rolle der Mentoren und in der Antwort auf die Frage, wer wen wohinein initiiert.

Wenn ich Menschen durch Übergänge begleite, verstehe ich mich als die Person, die den Rahmen für innere Arbeit schafft und hält, und ich verstehe mich als eine Spiegelnde – diejenige, die Rückmeldungen über Wahrgenommenes, Gehörtes, Erlebtes anbietet mit dem zuvor geschaffenen Verständnis: Das, was an Rückmeldung taugt, kann genommen werden; das andere bleibt einfach liegen, bis der Wind es verweht.

Während früher Menschen in eine soziale Rolle initiiert wurden, initiiert sich heute jede/r selbst in einen neuen angestrebten Seinszustand. Niemand kann das für andere tun. Es ist ein Prozess der Selbststärkung und Selbstermächtigung.

Als Guide oder Mentorin kann ich bestenfalls einen wirksamen Rahmen dafür anbieten. Und der wichtigste Schauplatz für diesen Prozess ist die freie Natur.

Einen Überblick über moderne, erprobte Seminare für Initiationsprozesse bietet das deutschsprachige Netzwerk: Visionssuche.net

Was passiert, wenn wir uns anders entscheiden?

Auch wenn Initiationsriten in der Wildnis für jede/n von uns gedacht sind, weil sie uns zu mehr Unabhängigkeit und psychosozialer Reife führen und unsere Veränderungsfähigkeiten stärken, ist ein Leben ohne begleitete Initiation möglich. Ich kann es nicht besser beschreiben als Adrienne Rich:

„Entweder du wirst

durch dieses Tor gehen

Oder du wirst nicht durchgehen.

 

Wenn du durchgehst,

dann ist da jedes Mal das Risiko,

dass du Deinen Namen erinnerst.

 

Dinge werden dir doppelt erscheinen

und du musst zurückschauen

und sie geschehen lassen.

 

Wenn du nicht durchgehst,

dann ist es möglich

würdig zu leben,

deine Haltung aufrecht zu erhalten

deine Stellung zu halten

und tapfer zu sterben.

 

Aber vieles wird dich blenden,

vieles wird dir entgehen

wer weiß zu welchen Kosten?

 

Das Tor selber macht keine Versprechungen.

Es ist nur ein Tor.“

Adrienne Rich

 

*Steven Foster/Meredith Little: Visionssuche, 52012